Vom weißen Kittel zu Anzug und Krawatte

Was haben ein Arzt und ein Unternehmensberater gemeinsam? Nichts? Das denken Sie. Consultingunternehmen bieten Medizinern attraktive Einstiegsmöglichkeiten und spannende Aufgabengebiete. Ein Beispiel für einen solchen Einstieg in die Branche ist Ioanis Goudakos. Nach seiner Zeit als Arzt im Krankenhaus arbeitete er als Berater im Compentence Center „Pharma und Healthcare“ bei Roland Berger Strategy Consultants. (Stand 2011)

„Vielleicht wäre das was für dich“ meinte mein Projektleiter an der Charité in Berlin, als er mir Ende 2009 den Karriereteil einer großen Sonntagszeitung in die Hand drückte. Schwerpunkt: Unternehmensberatung – für mich damals ein unbekannter Begriff. Unternehmen beraten? Aber wie? Mit welcher Qualifikation? Doch mein Projektleiter meinte, in die Unternehmensberatung können auch Mediziner, Psychologen und sogar Musiker einsteigen. Quereinsteiger, die kein BWL-Studium absolviert haben, würden den Kunden einen Mehrwert bringen und dazu beitragen, die Teamarbeit multidisziplinär und kreativer zu gestalten. Teamarbeit? Multidisziplinarität? Kreativität? Das waren in den Augen eines jungen Arztes Vorstellungen jenseits des klinischen Alltags. Interessant, dachte ich.

Damals war ich 28 Jahre alt – und noch relativ frisch in der Forschung. Nach meinem Medizinstudium hatte ich mich anderthalb Jahre lang in Orthopädie und Unfallchirurgie spezialisiert – allerdings mit gemischten Gefühlen. Einerseits fand ich das chirurgische Fach sehr spannend und beruflich aussichtsreich. Andererseits frustrierte mich die Alltagsroutine bereits nach kurzer Zeit. Mir fehlte die kognitive Herausforderung. Routinierte Eingriffe, unzählige administrative Aufgaben und das Gefühl, ein Einzelkämpfer in den starren Hierarchien der Chirurgie zu sein, zwangen mich, nach Alternativen zu suchen.

Der Wechsel in die Forschung war zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung, um mich weiterzuentwickeln. Im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Julius-Wolff-Institut der Charité in Berlin hatte ich die Chance, eine neue Arbeitsweise kennenzulernen: mit einem Team an einem spannenden Projekt zu arbeiten, Hypothesen zu formulieren und zu experimentieren, um Lösungen für orthopädische Probleme zu suchen – das war meine Welt. Als aber dann im Sommer 2009 das Projekt in den letzten Zügen lag, stand ich vor dem Dilemma: zurück in die Klinik oder doch etwas anderes suchen? Da kam der Projektleiter mit dem Zeitungsschwerpunkt „Unternehmensberatung“ auf mich zu.

Beratung – die unbekannte Welt
Über das Internet versuchte ich damals zu erfahren, was Beratung ist, welche Karriereperspektiven sie bietet. Ich wollte aber auch positive und negative Aspekte dieses Berufs herausfinden. Als ich auf der Webseite von Roland Berger eine Anzeige für ein Praktikum als Mediziner entdeckte, fiel mir die Entscheidung leicht.

Mithilfe entsprechender Literatur und von Erfahrungsberichten im Internet bereitete ich mich auf die drei Auswahlgespräche mit Roland Berger Beratern vor. Dabei ging es um meinen Werdegang, meine Zukunftspläne und meine Persönlichkeit. Doch es ging auch um Praxiserfahrungen. Denn anhand von zwei Fallstudien musste ich Lösungsansätze für bestimmte unternehmerische Herausforderungen erarbeiten. Eine der Fallstudien stammte aus dem Krankenhausbereich; dabei kamen meine Klinikerfahrungen besonders zur Geltung. Vor allem die Tatsache, dass ich die Einführung des Diagnosis Related Groups (DRG)-Systems miterlebt hatte, half mir, die Berater mit interessanten Vorschlägen zu überzeugen. Dem Praktikum in der Strategieberatung stand nichts mehr im Wege.

Krankenhaus mal anders – eine neue Perspektive
Meinen ersten Tag bei Roland Berger werde ich nie vergessen. Es war Anfang September 2009. Wie gewünscht, durfte ich  an einem Krankenhausprojekt arbeiten. Dabei haben mich zwei Dinge sofort beeindruckt: die Offenheit und Freundlichkeit der neuen Kollegen und die Vielfalt der Berater. In meinem Team waren Wirtschaftswissenschaftler, Gesundheitsökonomen, Wirtschaftsingenieure, aber auch Ärzte dabei.

Nach einer Vorstellung des Projekts und der Funktion aller Teammitglieder ging es dann sofort los. Ich bekam die wichtigsten Eckdaten des Kunden: Informationen über die finanzielle Situation des Krankenhauses, seine Organisationsstruktur, das medizinische Portfolio, gelaufene und anstehende Projekte. Das war für mich Krankenhaus mal anders – mit klar definierten finanziellen Zusammenhängen und  vor allem Steuerungsmöglichkeiten. Das Projektziel: dem Krankenhaus zu helfen, einen Weg aus der finanziellen Notlage zu finden und eine Privatisierung zu verhindern.

Erste Schritte waren für mich eine ausführliche Internetrecherche zur Wettbewerbssituation in der Region, die Auswertung von Daten über physiotherapeutische Leistungen und eine Analyse der Mitarbeiterbindung im Bereich der Funktionsdiagnostik in der Inneren Medizin anhand von Leistungszahlen. Im Laufe des Praktikums nahm meine Verantwortung immer weiter zu. Dabei habe ich gelernt, den Überblick bei komplexen Projekten zu behalten, Prioritäten zu setzen und strukturiert zu arbeiten, um den maximalen Nutzen für die Kunden zu erreichen. Außerdem entwickelte sich die Kommunikation sowohl mit den anderen Beratern als auch mit Kunden schnell weiter. Bald durfte ich mit Kollegen an lebendigen Diskussionen über Strategieansätze für Unternehmen teilnehmen und Projekte bei den Kunden präsentieren. Ich fühlte mich als Teil des Teams. Da fiel es mir nicht schwer, „ja“ zu sagen, als ich am Ende des Praktikums das Angebot bekam, Berater bei Roland Berger im Competence Center „Pharma & Healthcare“ in Berlin zu werden.

Tiefe Einblicke in das Gesundheitswesen
Die Welt der Beratung, die ich nun seit zwei Jahren kenne, überrascht mich jeden Tag aufs Neue. Denn als Berater bekomme ich tiefe Einblicke in alle Facetten des Gesundheitswesens, in die Bundes- und Landespolitik, in Krankenkassen und Krankenhäuser, in Pharma- und Medizintechnikunternehmen. Projekte bei verschiedenen Kunden in unterschiedlichen Ländern geben mir die Möglichkeit, interessante Erfahrungen zu sammeln. So durfte ich zum Beispiel ein weltweites Medizintechnikunternehmen bei der Einführung von neuen Produkten auf dem internationalen Markt beraten. Für mich hieß es, den Markt für die neuen Produkte zu schätzen, den Zeitplan für die Einführung festzulegen und potenzielle Risiken zu erkennen. Dabei musste der Einführungsprozess so geplant werden, dass keine konkurrierende Vermarktung der Produkte stattfindet. Eine echte Herausforderung!

Aber nicht nur die Produkte und die Ziele waren interessant, auch der Umfang des Projekts war hoch spannend. Denn die Projektarbeit fand in verschiedenen Büros von Roland Berger statt. Weltweite Einsätze beim Kunden und Interviews mit Wissenschaftlern und Managern an unterschiedlichen Forschungs- und Produktionszentren stellten für mich eine persönliche und berufliche Bereicherung dar. Dabei ist es aber wichtig, dass auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen gut funktioniert. Denn Unternehmensberater arbeiten sehr selten im eigenen Büro. Sie sind hauptsächlich beim Kunden vor Ort. Sich mit den Kollegen gut zu verstehen, ist dabei alles. Denn man verbringt mit ihnen oft die Freizeit in fremden Städten.

Auch im Pharma-Bereich betreue ich als Mediziner spannende Kunden und Projekte wie zum Beispiel die Festlegung einer Marktstrategie für einen internationalen Pharmakonzern für die kommenden zehn Jahre. Angesichts der Tragweite des Projektes kommen auch hier mehrere Kollegen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen zum Einsatz. Denn wir arbeiten nicht nur an Pharma-spezifischen Themen wie Forschung, Entwicklung und Vermarktung. Auch Organisationsaspekte wie die Struktur der Unternehmenszentrale und die Gestaltung der weltweiten Tochtergesellschaften spielen bei Beratungsprojekten wie diesen eine wesentliche Rolle.

Täglich spannend
Die Faszination der Unternehmensberatung liegt vor allem in der ständigen Spannung. Als Berater lerne ich jeden Tag viel und schnell, werde mit immer neuen Themen und Aspekten konfrontiert und muss flexibel darauf reagieren. Die Zeit ist meistens sehr knapp – die Kunden brauchen dringend Lösungen. Eine spannende Herausforderung für jeden Berater, die gute Möglichkeiten bietet, viel zu erleben und sich weiterzuentwickeln. So verwundert es nicht, dass Beratern auch weitere
interessante Karriereoptionen in Unternehmen offen stehen: Führende Positionen im Krankenhausmanagement, bei Krankenkassen oder in der Pharma- beziehungsweise Medizintechnikindustrie sind als weiterer Karriereschritt keine Seltenheit. Wo es mich hinführen wird, weiß ich noch nicht. Ich freue mich im Moment auf neue, spannende Projekte. Denn „I’m enjoying the ride!“.

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