Typologie der Erschleicher

Wer beauftragt eigentlich Ghostwriter? Wieso entstehen so viele wissenschaftliche Arbeiten, die sich als Plagiate entpuppen?
 
Kai Stapelfeldt, der Leiter von studi-coach e.V., berichtet als intimer Kenner der Szene über die Anwerberversuche der Promotionserschleicher.

(kallejipp / Photocase.com) Auch eine Möglichkeit: Entweder Sie schreiben mir meine Doktorarbeit, oder ich kann für nichts garantieren!

Die kühl kalkulierenden Studenten: Diese rechnen für sich einfach durch: Was bringt es mir, für meine Karriere eine gute oder sehr gute Note in der Abschlussarbeit zu bekommen? Wie viel Geld kann ich in der Zeit, die eigentlich für das Schreiben der Arbeit genutzt werden soll, verdienen? Der typische Vertreter dieser Kategorie ist ein Aufsteiger, kommt nicht aus einer Akademikerfamilie und studiert ein stark berufsqualifizierendes, oft technisches Fach. Er hat in anderen Lebenssituationen gelernt, sich durchzuschlagen ? auch mit ungewöhnlichen Methoden ? und ist der guten akademischen Arbeitsweise nicht verpflichtet. Viele dieser Studenten haben bereits einen Arbeitsvertrag vorliegen und wollen die Uni schnell verlassen. Drei Monate Aufwand für eine schriftliche Arbeit sollen getauscht werden gegen drei Monate entgeltliche Arbeit. 6000 Euro netto verdienen, 5000 Euro an den Ghostwriter zahlen. Schalten Sie ihr Gewissen für einen Moment aus: Ist dieser Tausch nicht ein Gewinn? Diese Studenten dann am Telefon: ?Wollte Sie mal fragen, was es kostet, wenn Sie mir eine Arbeit schreiben??. Sie erklären dir, warum Ghostwriting für sie Sinn macht und dass sie nur 5000 Euro bezahlen wollen, weil es sich ja sonst nicht rechnet. Als wäre eine akademische Arbeit ein reiner Kosten-Nutzen-Faktor.
Die kühl kalkulierenden Doktoranden: Diesen Typ gibt es auch unter Doktoranden, und hier auch aus nicht technischen Fächern. Mit zunehmendem Alter der Nachfragenden wird der Sachverhalt auch zunehmend verklausuliert: Es wird dann gefragt, ob man nicht ein gutes Thema für eine Dissertation hätte, das man auf wenigen Seiten niederlegen kann, sodass der Student dann in kurzer Zeit eine Dissertation abgeben kann. Der Mensch am Telefon will ?nur? die Idee, den konzeptionellen Ansatz, die Kernaussagen und etwas Unterstützung bei Einleitung und Schlussbetrachtung.
Null Bock im Sommer: Diese Anfragen kommen verstärkt im Frühling oder Frühsommer, sobald das Wetter schön wird.  Es kommt dann zu folgendem Gedankengang: ?Warum  den ganzen Sommer am Schreibtisch verbringen nach dem ganzen Stress des Examens? So eine Seminar- oder Abschlussarbeit kann man doch sicher kaufen. Es gibt ja genug Angebote im Netz. Aber bitte nicht bei so einem unseriösen Anbieter, da muss mit Planung vorgegangen werden. Ah…, auf der studi-lektor.de-Seite, da sieht man genau, wer da tätig wird, da gibt es ein Profil des Akademikers!“
Diese Gruppe hat den jüngsten Altersdurchschnitt, besteht fast nur aus Männern, überwiegend Juristen und BWL’lern  aus wohlhabenden Familien. Viele lassen sich vom Ghostwriting abbringen, wenn ihnen die Nachteile eindeutig vor Augen geführt werden. Rufen sie aber bei einem Ghostwriter an und nicht zufällig bei uns, haben die Ghostwriter leichtes Spiel. Die Themen in der BWL und auch in Jura sind häufig nicht so einmalig und spezifisch wie bei technischen Studiengängen. Da können die Ghostwriter aus ihrem Fundus Textblöcke wiederverwenden und einen ?guten Preis? machen. So erleben wir Studenten, die Ghostwriter abtelefonieren, um den ?besten Preis? herauszufinden. Wenn wird dann am Telefon fragen: ?Meinen Sie denn, dass ein Ghostwriter für 500 Euro eine 25-seitige Seminararbeit ganz neu schreibt, ohne Textblöcke aus anderen Arbeiten wieder zu verwenden?? Dann erhalten wir als Antwort oft Schweigen oder auch ein entrüstetes: ?Das können die doch nicht machen, ich mache doch einen Vertrag!? Ich denke da bei mir: Es ist erstaunlich, dass Menschen einen Betrüger engagieren wollen und dabei gar nicht damit rechnen, von einem Betrüger betrogen zu werden. Die Ghostwriter schreiben in ihren AGBs  meist recht klein gedruckt sinngemäß: Die von uns erstellten Texte sind als Anregung für eigenes wissenschaftliches Arbeiten gedacht und dürfen nicht an Hochschulen eingereicht werden. Da werden von Ghostwritern Arbeiten mit Copy-und-Paste zusammenkopiert und der Ghostwriter begeht noch nicht einmal einen im juristischen Sinne schweren Betrug. Das Risiko trägt alleine der Student.
Doktortitel für die Bewerbung und fürs Ego: Das sind oft Menschen, die am Telefon Bildung und Manieren durchklingen lassen und irgendwie gerne einen Dr. im Namen führen würden. Ob wir denn vielleicht einen Weg wüssten, einen Doktortitel im Ausland zu ?erwerben?.  Es sei dort doch viel einfacher, so habe man gehört. Ob wir denn Kontakte zu einer Uni hätten, zu der man nur einmal hinfahren müsse. Den Doktor machen und dabei nur einmal seinen Doktorvater sehen, dieser Wunsch ist natürlich unmöglich.
Firmen und Universitäten, die einen Doktor anstellen, fragen nach, wenn eine Dissertation im Ausland eingereicht wurde. Muss der Bewerber dann zugeben, dass der Titel beispielsweise in Kasachstan erworben wurde, kann der  Titel selbst plötzlich ein Hinderungsgrund für die Karriere sein. Ohne ein Anerkennungsverfahren in Deutschland darf der kasachische Doktortitel außerdem nicht im Namen geführt werden.

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