Pharmaindustrie: Karrierechancen für Mediziner

Wer wissenschaftlich interessiert und teamfähig ist, ist hier richtig aufgehoben, sagt Dr. Carola Metzig von Bayer HealthCare Pharmaceuticals. Im Interview berichtet sie von ihren täglichen Herausforderungen und spricht offen darüber, wer sich tatsächlich für eine Karriere in der Pharmaindustrie eignet.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Pharmaunternehmen von vielen Medizinstudenten nicht als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden?

Der Großteil der Studenten lässt sich vielleicht vom fehlenden Patientenkontakt abschrecken. Möglicherweise ist auch nicht jedem bekannt, welche Beschäftigungsmöglichkeiten es überhaupt für Mediziner in der Pharmaindustrie gibt. Dabei ist man als Mediziner universell einsetzbar und kann quasi in fast jeden Bereich wechseln, der einen interessiert. Beispielsweise ist es möglich, das Indikationsgebiet zu wechseln oder man erprobt sich in verschiedenen Funktionen.

War es speziell dieser Aspekt, der Sie von den Vorteilen einer Karriere in der Pharmabranche überzeugt hat?

Er hat sicher auch eine Rolle gespielt. Was mich allerdings wirklich gereizt hat, war die Chance an der Entwicklung von Medikamenten mitzuarbeiten, mit denen tausenden von Kranken geholfen werden kann. Auch wenn es viele entscheidende Aspekte gibt, ist dieser für mich ausschlaggebend.

Das müssen Sie uns näher erläutern. Inwiefern tragen Sie dazu bei?

Gegenwärtig betreue ich zum Beispiel eine Zulassungsstudie in China im Bereich der Ophthalmologie, also der Augenheilkunde. Der Wirkstoff, den wir hier prüfen, dient der Behandlung der feuchten altersabhängigen Makuladegeneration, einer Form der Altersblindheit.  

Wir erhoffen uns eine Verlängerung des Applikationsintervalls, so dass sich der Patient einen Wirkstoff statt einmal im Monat nur alle acht Wochen ins Auge injizieren lassen muss – eine erhebliche Erleichterung für den Patienten. Unser Ziel besteht nun darin, mit dieser Studie den Beweis dafür zu erbringen, dass das Medikament auch bei chinesischen Patienten tatsächlich die besagte Wirkung hat.

Inwieweit sind Sie als Global Clinical Head an der Studie tatsächlich beteiligt?

Als Global Clinical Head bin ich sozusagen der strategische Kopf der klinischen Entwicklung eines Medikamentes. In dieser Funktion kümmere ich mich um die Phasen II und III der klinischen Entwicklung, also die Prüfung des Arzneimittels am kranken Menschen. In der Phase II werden üblicherweise unterschiedliche Dosierungen und Dosisschemata untersucht, um eine Aussage darüber treffen zu können, in welcher Konstellation eine möglichst hohe Effektivität bei der geringsten Nebenwirkungsrate erreicht werden kann.

In der Phase III folgen üblicherweise weitere Studien an Patienten, mit denen wir belegen müssen, dass unser Medikament besser wirkt als eine Vergleichssubstanz und/oder ein Placebo. Im Team mit Kollegen aus anderen Funktionen, wie zum Beispiel der Arzneimittelzulassung oder der Arzneimittelsicherheit, müssen wir im Vorfeld zunächst sorgfältig planen, was in unseren klinischen Studien untersucht werden muss, um die für eine spätere Zulassung relevanten Informationen zu erheben.

Die Durchführung der klinischen Studien erfolgt dabei anhand der Studienprotokolle, die in Teamarbeit erstellt werden. Dabei dient die Abstimmung mit Kollegen aus den unterschiedlichsten Bereichen dazu, alle Eventualitäten zu berücksichtigen.

Heißt das denn, dass Sie zurzeit vorwiegend in China unterwegs sind?
Nein. Da ich die chinesische Studie nur strategisch leite, bin ich nicht ständig direkt vor Ort, sondern führe das Team größtenteils aus dem Konzern heraus. Ich entscheide, nach den Vorgaben des Unternehmens, wann die Studie startet und bin dafür verantwortlich, dass die Vorgaben umgesetzt werden. Im Gegenzug berichtet mir mein Team in China von möglichen Herausforderungen vor Ort. Wurde schon ein Patient in die Studie aufgenommen? Bekommt bereits ein Patient das Medikament? Können wir unseren Zeitplan einhalten? Tauchen hier Probleme auf, dann liegt es an mir, gemeinsam mit meinem Team möglichst schnell eine pragmatische und gute Lösung zu finden.

Die eigentliche Arbeit vor Ort überwacht ein Studienmanager. Ich gebe also die Richtung vor und bin gleichzeitig der medizinische Kopf, treffe Entscheidungen und begleite das Studiendesign wissenschaftlich.

Diese Art der internationalen Zusammenarbeit ist sicher nicht immer ganz unproblematisch?
Da muss ich Ihnen zustimmen, das kann sehr herausfordernd sein.  Zunächst ist der Faktor Zeit nicht zu unterschätzen. Zum Beispiel bespreche ich mich einmal die Woche mit meinem Team in China. Dieser Termin muss gut geplant sein, da uns die Chinesen sieben Stunden voraus sind. Sind wir jetzt zusätzlich auf das Feedback eines Amerikaners angewiesen, wird es wirklich schwierig, einen Termin zu finden, der für alle Gesprächspartner zufriedenstellend ist.  

Derartige Konstellationen versuchen wir jedoch im Allgemeinen zu vermeiden. Nicht zu unterschätzen sind auch kulturelle Gesichtspunkte, die aber gleichzeitig sehr spannend sein können. Ich finde es sehr interessant andere Kulturen kennenzulernen und hierbei gleichzeitig meine Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Zum Beispiel ist in Asien der Aspekt der Wertschätzung sehr wichtig. Die Menschen legen sehr viel Wert darauf, dass man ihnen Wertschätzung entgegenbringt und Dinge im persönlichen Gespräch klärt. Da wir bei der Durchführung klinischer Studien auf die Unterstützung der chinesischen Ärzte angewiesen sind, kommt es auch immer wieder vor, dass wir nach Asien fliegen und dort mit den Ärzten das Gespräch suchen.

Eine wissenschaftliche Diskussion vor Ort öffnet oft viele Türen. Flexibilität auch im persönlichen Bereich hilft hier sehr und manchmal muss man auch sein Ego hinten anstellen, um die Teamziele voranzubringen.

Phase II und III der klinischen Entwicklung: die Prüfung des Arzneimittels am zu behandelnden Menschen

Ihr Aufgabenbereich klingt über weite Strecken nach einer Organisations- und Managementaufgabe. Das ist bestimmt nicht unbedingt die Tätigkeit, die man sich vorstellt, wenn man sein Medizinstudium beginnt?

Das hängt von der persönlichen Herangehensweise ab. Ich habe mir beispielsweise bereits während meines Studiums überlegt, welche beruflichen Möglichkeiten sich mir bieten, welche Ziele ich im Leben habe und wie sich das am ehesten vereinbaren lässt. Dabei wurde mir schnell klar, dass ich nicht eine reine Klinikerin werden will.

Natürlich war es mir wichtig, einen interessanten und abwechslungsreichen Job zu bekommen, gleichzeitig sollte mir meine Arbeit aber auch die Möglichkeit bieten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Das wäre im stressigen Klinikalltag wahrscheinlich kaum möglich gewesen. Darüber hinaus hatte ich meine Probleme mit den Arbeitsbedingungen, die oft in Krankenhäusern herrschen. Insbesondere für einen Arzt im Praktikum und während der Zeit als Assistenzarzt war die Arbeitsbelastung sehr hoch. Daher habe ich mich mit möglichen Alternativen auseinandergesetzt und bin schnell auf die Pharmaindustrie gestoßen, die mir damals sehr attraktiv erschien, was sich auch bestätigt hat.

Dr. med. Carola Metzig absolvierte ihr Biochemie- und Medizinstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Was sind denn die Vorteile gegenüber dem Klinikalltag?

Ich bin in meiner Zeiteinteilung sehr flexibel und organisiere mir meinen Arbeitsalltag weitgehend selbst. Die Belastung im Vergleich zur Tätigkeit in einer Klinik mit vielen Nacht- und Wochenenddiensten erscheint mir darüber hinaus geringer. Viele Mediziner wechseln aus diesem Grund in die Industrie. Sie haben Alternativen gesucht und sie hier gefunden. Allerdings gibt es auch bei uns Phasen, in denen man sehr viel arbeiten muss. Speziell in der Endphase einer Studie müssen konkrete Zeitlinien eingehalten werden. Im Unterschied zur Klinik ist man hier aber nie alleine. Wir sitzen dann im Team zusammen und tauschen uns aus. Alle ziehen an einem Strang und bringen die Studie zum Abschluss.

Ist denn eigentlich jeder Mediziner geeignet, in die Pharmaindustrie zu gehen?

Wer in der Lage ist, in einem hohen Maß eigenverantwortlich und motiviert zu arbeiten, der ist bei uns genau richtig. Man sollte mit dem Herzen an die Sache rangehen, Freude am wissenschaftlichen Arbeiten haben und sich mit der Arbeit in einem Team wohlfühlen.  Jemand, der aber sehr stark an der täglichen Patientenarbeit hängt, wird sich in der Industrie wahrscheinlich nicht so wohl fühlen.

Sie sind Biochemikerin und Medizinerin. Darüber hinaus haben Sie einen Facharzt in klinischer Pharmakologie. Ist so eine breite Ausbildung Voraussetzung, um bei Bayer HealthCare Karriere zu machen?

Sicherlich nicht. Für einen Mediziner ist diese Kombination sogar eher ungewöhnlich. Bayer HealthCare Pharmaceuticals sucht in erster Linie Ärzte mit mehrjähriger Erfahrung in einem bestimmten Fachgebiet bis hin zu Fachärzten.

Und woran liegt das?
Das hat unterschiedliche Gründe. Zunächst verfügt man in der Regel erst nach einigen Jahren Klinikerfahrung über das Fachwissen, das nötig ist, um das jeweilige Indikationsgebiet voll  abdecken zu können. Darüber hinaus benötigt man in einem großen Unternehmen ein sicheres Auftreten, welches Absolventen, die frisch von der Universität kommen, aufgrund der noch fehlenden Praxiserfahrung vielleicht noch nicht mitbringen können. Wenn man beginnt, Verantwortung zu übernehmen, entwickelt sich die Persönlichkeit weiter und automatisch auch das persönliche Auftreten. Es bedarf auch einer gewissen Erfahrung, die man in dieser Zeit sammelt und die einem später hilft, in wissenschaftlichen Diskussionen in den internationalen Teams zu bestehen und einen Standpunkt gut vertreten zu können. Natürlich gibt es innerhalb der Pharmaindustrie auch Bereiche mit zunächst weniger Verantwortung und der Möglichkeit sich von hier aus beruflich und persönlich weiterzuentwickeln.

Sie haben eine sechsjährige Tochter. Inwiefern profitiert sie von Ihrer Entscheidung für den Schritt in die Industrie?

Ich arbeite nur vier Tage die Woche und habe trotzdem die Möglichkeit, interessante Projekte zu betreuen. Die Erfindung der Smartphones und die Option, mich von überall in der Welt mit meinem Laptop in das Firmen-Netzwerk einloggen zu können, hat es möglich gemacht, dass ich erreichbar bin und trotzdem viel Zeit mit meiner Tochter verbringen kann. Morgen zum Beispiel muss ich sie ausnahmsweise schon um 12.45 Uhr von der Schule abholen und arbeite dann am Nachmittag einfach von zu Hause aus. Im stressigen Klinikalltag wäre das wohl undenkbar.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, der Industrie den Rücken zu kehren?
Nein. Für mich persönlich war der Schritt in die Industrie genau die richtige Entscheidung. Mir macht meine Arbeit einfach sehr viel Spaß. Die bunte Mischung aus wissenschaftlichem Austausch zwischen Experten, der hohen Flexibilität und auch der Internationalität, ist genau das, was ich mir immer gewünscht und vorgestellt habe. Ich kann voller Überzeugung sagen, dass der Schritt in die Industrie für mich beruflich eine sehr gute Entscheidung war. Da die Rückkehr in die Klinik nach mehrjähriger Berufserfahrung auch ein durchaus gangbarer Weg wäre, befinde ich mich auf keiner Einbahnstraße und könnte theoretisch jederzeit in die Klinik zurückkehren.


Dr. med. Carola Metzig absolvierte ihr Biochemie- und Medizinstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin. Heute ist sie Global Clinical Head bei Bayer HealthCare und kümmert sich in dieser Funktion um die Phasen II und III der klinischen Entwicklung, also die Prüfung des Arzneimittels am kranken Menschen.
Stand: Herbst 2012
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