Noch liegt Deutschland vorne …

Prof. Wildemann betreibt ein eigenes Beratungsunternehmen und organisiert das jährliche Münchner Managment Kolloquium. Mit academicworld sprach er über die Consultingbranche und ihre Herausforderungen sowie den Technologiestandort Deutschland.

(© Kolja Lenz/pixelio.de) Die Welt rückt näher zusammen. Da müssen sich Autoindustrie und Hochtechnologie anstrengen, um nicht abgehängt zu werden.


Sie warnen vor einer Bedrohung für die deutsche Wirtschaft, weil in den Schwellenländern mit deutschen Qualitätsstandards produziert werden könne, man aber mit niedrigeren Lohnkosten arbeiten könne. Wie weit sind inländische Unternehmen in Brasilien oder Indien wirklich? 

Die wirtschaftliche Entwicklung in den BRIC-Staaten zeigt, dass eine zunehmende internationale Wettbewerbsintensität zu erwarten ist. Diese Länder haben nicht nur den Vorteil, eine wesentlich günstigere Lohnkostenposition, sondern sie sind aktiv bestrebt, ihre Leistungspotenziale auszuschöpfen. Dazu zählen innovative Produkte, Technologieentwicklung und signifikante Qualitätsverbesserungen. Ohne Frage sind diese Staaten hinsichtlich hochwertiger Technologieprodukte sehr weit.

In fast allen Vorträgen Ihres 19. Münchener Management Kolloquiums zeigten sich die Referenten aus den Vorstandsetagen deutscher Unternehmen zufrieden mit dem Technologievorsprung ihrer Produkte. Wie weit liegt Deutschland wirklich vorn?
Deutschland liegt immer so weit vorne, wie die deutschen Unternehmen besser sind als ihre vergleichbaren Wettbewerber. In den letzten Jahren haben deutsche Unternehmen viel in F&E investiert und konsequent auf Produkt- und Prozessinnovationen gesetzt. Dadurch konnten sie ihren Vorsprung ausbauen oder zumindest halten. Allerdings müssen diese Anstrengungen weiterentwickelt werden, da die Wettbewerber aus den BRIC-Staaten mit hoher Geschwindigkeit aufholen.

Sehen Sie die deutsche Automobilindustrie vorbereitet auf die Herausforderungen der Zukunft? Derzeit ist die Stimmung ja fröhlich bis euphorisch.
Viele Hersteller haben in den letzten Jahren intensiv an ihren Kostenstrukturen gearbeitet, ihre Produktivität verbessert und Effizienzpotenziale in den Wertschöpfungsnetzwerken gehoben. Hinzu kommt der technologische Fortschritt in den Bereichen E-Mobility, alternativer Antriebstechnologien und innovativer Werkstoffe. Die gute Ertragslage sichert  Gewinnrücklagen, die wiederum Investitionen in F&E ermöglichen. Bislang gibt es keine Anzeichen, dass deutsche Hersteller die Trends der Zukunft ignorieren und im Status Quo verharren.   

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Wildemann ­­

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Horst Wildemann ­­ studierte in Aachen und Köln Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre. Seit 1980 lehrt er als ­ordentlicher Professor für BWL an den Universitäten Bayreuth, Passau und seit 1989 an der Technischen ­Universität München. Zudem steht Prof. Wildemann einem Beratungsinstitut mit über 80 Mitarbeitern für ­Unternehmens-planung und Logistik vor.
 

In fast allen deutschen Branchen mit Technologiebezug wird beklagt, dass zu wenig ingenieurwissenschaftlicher Nachwuchs eine Wachstumsbremse darstellen könnte. Wie sieht es in den konkurrierenden Ländern aus?
Nimmt man die OECD-Studien als Basis, so zeigt sich, dass wir in Deutschland in vielen Bereichen erheblichen Nachholbedarf im Hinblick auf die Erneuerung unserer Ausbildungssysteme haben. In den konkurrierenden Ländern wird mit Nachdruck an der Rekrutierung von qualifiziertem Personal für technologiebezogene Fachgebiete gearbeitet. Allein durch die hohe Bevölkerungsanzahl in den BRIC-Staaten ist eine hohe Verfügbarkeit von Humanressourcen gegeben.

Während in Ländern wie Indien riesige Unternehmen einst vor allem einfachere Produkte für den Binnenmarkt produziert haben, zieht es sie mittlerweile auch auf die globalen Märkte. Der Kauf von Jaguar und Land Rover durch Tata zeigt, dass man finanzstark genug ist, um westliche Traditionsunternehmen zu erwerben. Können Sie sich vorstellen, dass wir in den nächsten Jahren vermehrt solche Käufe sehen werden?
Das Wirtschaftswachstum in Indien und China hat dazu geführt, dass Unternehmen und Privatleute große Mengen an Devisenreserven angehäuft haben. Dieses Kapital wird immer häufiger in westlichen Traditionsfirmen im Rahmen von Beteiligungen angelegt, weil hier Wertsteigerung und hohe Dividendenausschüttungen vermutet werden. Am Beispiel der DAX-Konzerne zeigt sich, dass bereits heute die Mehrheit des Eigenkapitals an diesen Konzernen in ausländischer Hand ist.

Ihre Beratungsgesellschaft ist in den Bereichen Logistik, Einkauf und Produktion engagiert. Was sind derzeit die drängendsten Fragen Ihrer Auftraggeber? 
Das Thema Cost Engineering gewinnt zunehmend an Bedeutung. Hier geht es konkret um die simultane Realisierung von Kundenwert und Kostenoptimierung. Viele Unternehmen haben Probleme mit der Erzeugung von kundenorientierten Leistungen zu wettbewerbsfähigen Preisen und Kosten.

Wie hat sich die Beratung für Sie in den vergangenen Jahrzehnten verändert und welche neuen Anforderungsprofile resultieren daraus für den Consultant von heute? 
Die Kundenanforderungen haben sich geändert und damit auch die Anforderungsprofile. Beratung bedeutet heute, den Kunden problemlösungsorientierte Konzepte in einem immer komplexer und volatiler werdenden Umfeld anzubieten. Dazu gehört, dass die Beratung sich als lernfähig erweisen muss und neue Entwicklungen auf ihre Arbeitsweise adaptiert. Der Consultant von heute muss sich daher stets aufs Neue kritisch hinterfragen und sein Umfeld genau beobachten. 

Was macht den Ingenieur so wertvoll für die Beratung? 
Der Ingenieur hat das technische Verständnis für Produkte und Prozesse, der Betriebswirt kennt die ökonomischen Aspekte. Diese Parallelität wird immer wichtiger, weil Produkt- und Prozessstrukturen einen immer höheren Komplexitätsgrad aufweisen. Ohne eine vollständige Durchdringung der technischen und betriebswirtschaftlichen Gegebenheiten kann die Beratung nur unzureichenden Mehrwert leisten.  

In welchen Bereichen sehen Sie in den nächsten Jahren einen besonderen Bedarf an Beratungsleistungen? 
Cost Engineering, um Werte in Prozessen und Produkten zu erzeugen wird immer bedeutender. Auch die Bereiche Services, After Sales und Dienstleistungen werden zunehmend in den Vordergrund rücken. Immer mehr Unternehmen versuchen sich über ihre Kernprodukte hinaus, durch zusätzliche Servicedienstleistungen Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten. Die Bereitstellung und Vermarktung hybrider Leistungsbündel wird für viele Unternehmen ein wesentlicher Erfolgsfaktor sein. 

Wenn Sie heute Absolvent wären, bei welchem Unternehmen würden Sie Ihre Karriere beginnen?
Jeder Absolvent muss seine Interessen, Fähigkeiten und Präferenzen richtig einschätzen und darauf basierend die Entscheidung für den Berufseinstieg ableiten. Wichtig ist ein unverfälschter und objektiver Blick auf eigene Stärken und Kompetenzen, um den richtigen Berufseinstieg zu erreichen.

 
 

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