„Je härter die Musik, desto treuer die Fans!“

Hat der Typ wirklich mal bei Deloitte gearbeitet? Ja, hat er. Und er beweist, wie vielfältig Berufswege sein können, die nach dem Studium bei einer Beratung begonnen haben. Heute ist Markus Klumpp stellvertretender Geschäftsführer des nach eigener Aussage größten Independent-Heavy-Metal-Musiklabels der Welt und sagt: „Ich habe meinen Traumjob gefunden! Aber die Zeit bei Deloitte möchte ich nicht missen.”

Vom Anzug in die Lederjacke – Markus Klumpp hat seinen Traumjob gefunden. Heute trägt er nicht unbedingt den ganz klassischen Beraterlook. © Privat

Das Herz des Heavy Metal schlägt schnell, es schlägt hart – und es schlägt in Donzdorf am Rande der Schwäbischen Alb, zwischen Stuttgart und Ulm. Von den umgebenden grünen Hügeln hat man einen guten Blick in das Tal: Dort liegt in ländlicher Idylle der 10.000-Seelenort mit Stadtschloss, Kirche und Industriegebiet am Ortsrand. Hier hat das weltweit größte unabhängige Musiklabel für Heavy Metal seinen Sitz. Von den Wänden des Firmengebäudes leuchten die Poster von Bands mit Namen wie Exodus, Blind Guardian oder Sabaton mit ihren teils martialisch anmutenden Logos mit viel Feuer, Skeletten und Drachen.

Hier ist Markus Klumpp seit Anfang 2008 stellvertretender Geschäftsführer und verantwortet die IT sowie den Bereich Mailorder. Eine vielseitige und spannende Aufgabe für einen Musikbegeisterten. Und dennoch verlief der Karriereweg des 41-Jährigen nicht geradlinig auf diese Führungsaufgabe in der Musikindustrie zu: Vor Nuclear Blast war Markus Klumpp zehn Jahre lang Unternehmensberater bei Arthur Andersen und Deloitte in Stuttgart.

Ein beruflicher Wandel, der sich oberflächlich zunächst an Markus Klumpps Äußerem festmacht: Er hat sich seine lockigen schwarzen Haare wachsen lassen und trägt einen Kinnbart, der bis zur Brust herunterhängt. Im Konferenzraum des Labels sitzt Markus Klumpp in Armeehose und dem T-Shirt einer Heavy-Metal-Band. Hinter ihm hängen rund zwei Dutzend goldene Schallplatten an der Wand. „Früher habe ich mich am Freitag Abend immer darauf gefreut, meinen Anzug in den Schrank zu hängen und mich in das lockere Metal-Outfit zu werfen“, sagt er. „Bei Nuclear Blast kennen wir keinen Dresscode, jeder trägt, was er will.“ Für die 85 Mitarbeiter in Donzdorf sind das in der Regel schwarze T-Shirts der jeweiligen Lieblingsband und tendenziell lange Haare.

Vom Misthaufen zum Weltmarktführer

Mit einem Jahresumsatz von 30 Millionen Euro steht Nuclear Blast weltweit an der Spitze, was harte Rockmusik angeht. Dabei macht das Musik-label mit derzeit 80 Bands aus ganz Europa und den USA, die Nuclear Blast unter Vertrag hat, den größeren Teil aus. Daneben ist der Mailorder-           Service ein einträgliches Geschäft: 8.000 Pakete mit CDs, Vinyl, T-Shirts und DVDs verlassen jeden Monat das riesige Lager in die ganze Welt. Vom Lagerarbeiter bis zum Geschäftsführer herrscht ein lockerer Umgangston. „Worauf wir uns alle verständigen können, ist die Leidenschaft für die Musik“, sagt Markus Klumpp. „Statt über einen Businessplan streiten wir hier viel lieber über unsere aktuellen Lieblingsplatten.“ Zentraler Ort für derartige Diskussionen ist der „Fun Room“: auch hier goldene Schallplatten an den Wänden, eine große Sofa-Sitzecke und Dutzende von Flippern und Spielautomaten, die Sammelleidenschaft von Firmengründer Markus Staiger. 1985 gründete der damalige Punk seinen eigenen kleinen Plattenvertrieb „Misthaufen Distribution“, um die Platten seiner amerikanischen Lieblingsbands auch in Deutschland erhältlich zu machen. Daraus wurde 1987 schließlich das Musiklabel Nuclear Blast.

Man spricht Schwäbisch

Seit er sechs Jahre alt ist, sammelt Markus Klumpp Platten, und seit Jahren war er Stammkunde beim Mailorder von Nuclear Blast, als er einst am Telefon mit seinem Kundenberater darüber scherzte, dass er eines Tages einmal in Donzdorf arbeiten würde.
Zu dieser Zeit war Markus Klumpp Manager bei Deloitte und arbeitete als Consultant für Kunden wie Mercedes Benz, Infineon oder Adidas – spannende Aufgaben. Aber nach zehn Jahren, in denen er unter der Woche vor allem in Hotelzimmern schlief, sehnte er sich danach, mehr Zeit mit seiner Frau und seinen zwei Kindern zu verbringen.
Der Sprung in die Industrie war also nur konsequent, und während er in Verhandlung mit mehreren Headhuntern war, entstand gleichzeitig aus dem Scherz am Telefon ein Treffen mit dem Geschäftsführer des Metal-Labels. Statt eines einstündigen Bewerbungsgesprächs diskutierte man einen halben Tag lang über die Lieblingsband AC/DC. Die beiden waren sich sympathisch. Der einzige Haken, den der Inhaber anmerkte: „Ich weiß nicht, was dein Job bei uns sein soll. Und vor allem weiß ich nicht, wie ich dich bezahlen soll.“

Doch der Aufgabenbereich war schnell gefunden: Markus Klumpp entlastet seit zwei Jahren seinen Chef als Management Coordinator. Und beim Gehalt akzeptierte Markus Klumpp deutliche Einbußen im Vergleich zu Deloitte: „Ich habe das als einmalige Chance gesehen, meinen Traumjob zu machen“, sagt Markus Klumpp, der nach dem Abitur einst einen Plattenladen eröffnen wollte – was ihm sein Vater aber in elterlicher Vernunft schnell ausgeredet hatte. Heraus aus dem Berateralltag musste sich Markus Klumpp erst wieder eine andere Sprache angewöhnen: „Hier sprechen wir Schwäbisch“, lacht er. „Am Anfang erntete ich manchmal nur Schulterzucken, wenn ich von Portfolios oder Workflows redete.“


Zwischen Bauchentscheidung und Planbarkeit

Von der allgemeinen Krise in der Musikindustrie ist Nuclear Blast in den letzten Jahren weitestgehend verschont geblieben. Das Erfolgsgeheimnis sieht Markus Klumpp vor allem in der Loyalität der Metal-Fans: „Je härter die Musik, desto treuer sind die Fans.“
Zwar ist auch das komplette Sortiment von Nuclear Blast als Download erhältlich. „Metal-Fans schätzen aber ein wertiges Cover zum Aufklappen oder limitierte Sondereditionen in einer Holzbox.“ So kam bei Nuclear Blast im Mailorder zuletzt auf zwei verkaufte CDs eine Vinylplatte. „Wir haben unsere Nische besetzt, die kontinuierlich wächst. Und unsere zentrale Aufgabe ist, weiterhin glaubwürdig zu bleiben.“

Daneben betont Markus Klumpp, dass Nuclear Blast ein „typisch schwäbisches Unternehmen“ sei: „Zentrale betriebswirtschaftliche Kriterien werden ideal umgesetzt – wenn auch oft unbewusst.“ Für deren bewusste Umsetzung kann Markus Klumpp im Projektmanagement mit seiner Erfahrung aus der Zeit bei Deloitte seinen Teil beitragen. Tritt er dann in direkten Kontakt zu den Bands, kommt er mit Kalkulationen oft nicht weiter. „Da merke ich wieder schnell, dass ich es mit kreativen Musikern zu tun habe, nicht mit Unternehmern. Hier ist Improvisationstalent gefragt.“ Genau diese Mischung aus Bauchentscheidungen und regulierender Planbarkeit mache seine Aufgabe so spannend.
Seine Zeit bei Deloitte möchte Markus Klumpp auf keinen Fall missen, die damals unzähligen Hotelübernachtungen schon eher. Fährt er heute auf Musikfestivals, trifft er dort als Privatmensch andere Metal-Fans, als stellvertretender Geschäftsführer von Nuclear Blast trifft er seine Kunden. Auf das Hotel verzichtet er, lieber schläft er im Zelt.

So einfach Markus Klumpps Lebensmotto ist, so sehr bewahrheitet es sich in seiner Biografie: „Just do it! Mache immer das, worauf du am meisten Lust hast. Und wenn du das dann mit voller Konsequenz verfolgst, dann machst du es auch gut!“

© Privat

Markus Klumpp, Nuclear Blast GmbH

Markus Klumpp fand nach seinem Studium der technischen Betriebswirtschaftslehre an der Universiät Stuttgart den Einstieg in die Beratungsbranche – zunächst als Senior Consultant bei Arthur Andersen, später als Manager bei Deloitte, wo er fünf Jahre lang tätig war. Heute ist er stellvertretender Geschäftsführer bei dem Heavy-Metal Label Nuclear Blast GmbH.

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