„Ist ein Wirtschaftsprüfer wirklich nur ein Hakenmacher“?

Zu den vielfältigen Aufgaben eines Wirtschaftsprüfers zählt auch die Jahresabschlussprüfung. Durch die unterschiedlichen Branchen und Größen der Unternehmen stellen sich hier immer wieder neue Herausforderungen – zum Beispiel, wenn der Mandant ein großes Krankenhaus betreibt. Dass es dabei um mehr als nur Zahlen und Haken machen geht, erklärt Stefan Greger von RölfsPartner.

von Stefan Greger

Stefan Greger studierte Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Regensburg. Nach dem Studium stieg er bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte ein. Seit 2011 ist er Manager bei RölfsPartner. Seine Schwerpunkte sind Healthcare (Krankenhaus, Pharma) und Dienstleistungsunternehmen.

Das Aufgabenfeld in der Wirtschaftsprüfung ist umfangreich und umfasst die Jahresabschluss- und Konzernabschlussprüfung (HGB, IFRS, US-GAAP), Unternehmensbewertung, Sonderprüfungen wie Due-Diligence oder IT-Prüfungen und betriebswirtschaftliche Beratung.

Unter der Prüfung eines Jahresabschlusses versteht man, die Beurteilung der Ordnungsmäßigkeit von Buchführung und Jahresabschluss eines Unternehmens im jeweiligen Betrachtungszeitraum (in der Regel Geschäftsjahr). Der Hauptfokus liegt somit nicht in der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens, wie in der Öffentlichkeit vermutet wird, sondern in der Vergangenheitsbetrachtung.

Die Jahresabschlussprüfung ist heute – bei der Vielzahl von einzelnen Geschäftsvorfällen und komplexen IT-Systemen – keine Prüfung von Einzelsachverhalten mehr. Geprüft wird risikoorientiert, das heißt, Prüfungsschwerpunkte werden dort gewählt, wo die Auswirkungen möglicher Fehler auf den Jahresabschluss in materieller Hinsicht wesentlich wären. Um potenzielle Fehlerrisiken richtig einschätzen zu können, muss der Abschlussprüfer die wichtigen Geschäftsprozesse des jeweiligen Unternehmens kennen und auf mögliche Schwachstellen untersuchen. Zu nennen sind hier beispielsweise die Umsatzrealisierung oder der Personalbereich. Auch hier wieder ein konkretes Beispiel. Wir prüfen, ob das System und die IT-Architektur es theoretisch zulassen würde, einen fiktiven Mitarbeiter oder einen fiktiven Patienten zu erfinden. Wir prüfen also, ob es möglich wäre, das System für persönliche Vorteile kriminell „auszutricksen“. Wichtig für den Beruf des Wirtschaftsprüfers ist somit das Verständnis der Zusammenhänge von Geschäftsprozessen und Zahlen.

Die Geschäftsprozessanalyse und -beurteilung, auch Systemprüfung genannt, erfolgt in der Vorprüfung. Die Systemprüfung ist zweistufig gegliedert. Zum Einen gibt es den Aufbau, der sich mit folgenden Fragestellungen beschäftigt: Wie sind die Prozesse angeordnet? Gibt es Kontrollinstanzen? Können dolose Handlungen durchgeführt werden?  

Das Andere ist die Funktionsprüfung, welche die Frage klären soll, ob die bei der Aufbauprüfung festgestellten Abläufe auch eingehalten werden. In Gesprächen mit den Sachbearbeitern, Abteilungsleitern und mit der Geschäftsführung werden interne Abläufe analysiert und beurteilt. Der Abschlussprüfer erhält so einen tiefen Einblick in das Unternehmen. Ein entscheidender Faktor für die richtige Beurteilung ist Erfahrung und Kenntnis über die Branche.

Die Erkenntnisse aus der Vorprüfung fließen in die Prüfungsstrategie in der Hauptprüfung ein. Die Übergänge von der Jahresabschlussprüfung zur Unternehmensberatung sind – bei guter Branchenkenntnis – oft fließend. Durch die intensive Analyse der Geschäftsprozesse sowie der Unternehmenskennzahlen können häufig Schwachstellen entdeckt und Verbesserungspotenzial aufgezeigt werden.

Nehmen wir zum Beispiel einmal an, unser Mandant betreibt ein Krankenhaus. Jährlich werden etwa 6.000 Fälle behandelt. Eine Einzelfallprüfung der 6.000 Geschäftsvorfälle zur Prüfung der Umsatzerlöse wäre zeitaufwendig und ineffizient. Daher erfolgt im Rahmen der Vorprüfung die Systemprüfung des Prozesses Umsatzrealisierung. Diese beginnt bereits mit dem Erscheinen des Patienten in der Aufnahme des Krankenhauses und der ersten Diagnose.  

Im Hintergrund laufen mehrere Prozesse ab, welche der Patient gar nicht sieht. Dazu gehören bespielsweise die Bettendisposition, der Schriftverkehr mit den Krankenkassen und die interne Beurteilung der gestellten Diagnose sowie deren Abrechnungsfähigkeit. Auch bei der Entlassung des Patienten sind mehrere Schritte nötig, welche eine gezielte Abrechnung erst ermöglichen.

Dieser Fall zeigt, dass es bei der Jahresabschlussprüfung nicht nur um Zahlen und Haken machen geht. Analytisches Vorgehen bei der Geschäftsprozessanalyse und die Übertragung dieser Vorgehensweise auf Unternehmen verschiedener Größen und Branchen machen diese Arbeit so abwechslungsreich und anspruchsvoll. Der tiefe Einblick in alle Bereiche eines Unternehmens bietet schließlich auch eine Basis für eine umfassende betriebswirtschaftliche Beratung.

Wirtschaftsprüfung und der Wirtschaftsprüfer haben mit einem Krankenhaus und dem Arzt somit mehr gemeinsam als man denkt. Zu beiden geht man zur Kontrolle, lässt sich beraten und erhofft sich eine Lösung oder eine Heilung der Probleme.

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