Im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie

Schichtdienst, Bereitschaft und endlose Abende in der Klinik – die Anforderungen an das ärztliche Personal in Krankenhäusern sind hoch. Zu hoch für viele, wenn neben dem Beruf noch Raum für die eigene Familie bleiben soll. Immer mehr Ärztinnen und Ärzte möchten sich nicht mehr zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen. Jetzt sind die Krankenhäuser in der Pflicht auf diese Entwicklung zu reagieren.

Auch Ärztinnen wollen das Mutterglück ausgiebig erleben. Familienfreundlichkeit ist daher ein entscheidendes Kriterium bei der Auswahl des Arbeitgebers. ©Salih Ucar/pixelio.de

Geänderte Bedürfnisse – neue Herausforderungen

Dr. Sabine M. (30) bringt es auf den Punkt: „Sollte ich mich zum jetzigen Zeitpunkt dafür entscheiden ein Kind zu bekommen und im Anschluss in Teilzeit arbeite, werde ich es mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr in eine medizinische Spitzenposition schaffen.“ Wie ihr geht es vielen jungen Ärztinnen, die nach Abschluss ihrer Ausbildung überlegen, wie ihre Karriere weiterverlaufen soll. Diese Entwicklung ist höchst problematisch, da gegenwärtig mehr Frauen als Männer das humanmedizinische Studium abschließen. Infolgedessen streben nur wenige Absolventinnen eine medizinische Karriere in einem Krankenhaus an. Viele junge Ärztinnen schreckt der Klinikalltag ab, da er sich mit einer klassischen Familienplanung nur schwer vereinbaren lässt. Die Folgen dieser Entwicklung zeichnen sich bereits ab. Viele Stellen in Kliniken bleiben unbesetzt. Gelingt es den Krankenhäusern nicht die Voraussetzungen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen, gehen ihnen weiter wertvolle Fachkräfte verloren.

Dass dieses Thema nicht nur weibliche Mediziner betrifft, zeigt sich am Beispiel der Charité-Universitätsmedizin Berlin, an der zwischenzeitlich sogar ein Väterbeauftragter in allen Fragen rund um das Thema Beruf und Familie mit Rat und Tat bereit stand. Immer häufiger nehmen auch Männer die Möglichkeit der Elternzeit in Anspruch – vor einigen Jahren war das noch undenkbar. Es ist nun an den Krankenhäusern, auf die veränderten Bedürfnisse zu reagieren und bestehende Rahmenbedingungen zu verbessern. Insbesondere angesichts des steigenden Ärzte- und Fachkräftemangels sollten sich Krankenhäuser bewusst machen, dass sie sich durch eine familienfreundliche Personalpolitik von ihren Konkurrenten abheben können.

Einige Krankenhäuser haben bereits erkannt, dass Familienfreundlichkeit und eine ausgewogene Work-Life-Balance dazu geeignet sind, um Ärztinnen und Ärzte für die Kliniken zu gewinnen und längerfristig zu binden. Als Reaktion haben sie ihre bestehende Personalpolitik überdacht und erste Maßnahmen ergriffen. Trotzdem ist auf diesem Gebiet noch einiges Potenzial ungenutzt.  

Flexible Arbeitszeitmodelle

Eine wichtige Komponente in den Bemühungen um eine bessere Vereinbarkeit ist sicherlich die familienorientierte Gestaltung der Arbeitsorganisation. Allerdings liegt hier auch gleichzeitig die größte Herausforderung, da im Klinikbetrieb die Versorgung der Patientinnen und Patienten rund um die Uhr garantiert werden muss. Doch mit Hilfe von flexiblen Arbeitszeitmodellen kann auf die individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmer eingegangen werden, wie es das Beispiel der HELIOS St. Elisabeth Klinik Hünfeld zeigt. Fast die Hälfte des ärztlichen Personals dort ist weiblich, zwölf der vierzehn Ärztinnen haben Kinder. Davon arbeiten elf in flexiblen Arbeitszeitmodellen. Wie die konkrete Umsetzung dann in der täglichen Routine funktioniert und aussieht, werde mit den Mitarbeitern im persönlichen Gespräch geklärt, erklärt Gudrun Käsmann von der Unternehmenskommunikation. Auch in der St. Barbara-Klinik Hamm-Heessen spielen Arbeitszeitmodelle eine entscheidende Rolle. „Dabei kann der Stundenumfang als auch die Verteilung der Wochenarbeitsstunden – unter Berücksichtigung der Sicherstellung von Abteilungsabläufen – frei vereinbart werden“, sagt Frau Dr. Birgit Sauer, Leiterin der Elternschule der St. Barbara-Klinik.

Auch dem Thema Elternzeit kommt besondere Bedeutung zu. Spart der Arbeitgeber durch die Elternzeit doch bares Geld, da zusätzliche Kosten für die Einarbeitung und Rekrutierung neuer Mitarbeiter minimiert werden können. Es gilt frühzeitig in den Dialog mit den Arbeitnehmern zu treten, die in Elternzeit gehen wollen, um auszuloten, ob möglicherweise Interesse besteht in der Elternzeit Vertretungstätigkeiten durchzuführen oder wie der Wiedereinstieg vonstattengehen soll. Tauglich ist zu diesem Zweck die Anfertigung eines Leitfadens für den Wiedereinstieg nach der Elternzeit, wie ihn zum Beispiel die Uniklinik Freiburg angefertigt hat. Außerdem sollte sichergestellt werden, dass Mitarbeiter auch während der Elternzeit Fort- und Weiterbildungsangebote wahrnehmen können.

Gute Kinderbetreuung

Die angebotenen Betreuungsmöglichkeiten für Kinder entscheiden darüber, ob und in welchem Umfang Eltern ihre Beschäftigung fortsetzen können. Speziell für junge Eltern ist dieser Faktor extrem wichtig, da sie aufgrund der unregelmäßigen Arbeitszeiten auf Betreuungseinrichtungen angewiesen sind, die ihre Bedürfnisse, speziell was die Öffnungszeiten angeht, berücksichtigen. Das Klinikum Chemnitz hat auf diese Anforderungen mit der klinikumseigenen Kindertagesstätte Sonnenkinder reagiert. Die Kindertagesstätte ist ganzjährig ohne Schließzeit geöffnet. „Die Öffnungszeiten von 5.45 bis 17.30 Uhr sind auf Grundlage einer Elternumfrage eingeführt worden“, berichtet die Familienbeauftrage des Klinikums Chemnitz Babara Hansel.

Weiterhin werden für Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren spezielle Freizeitangebote wie Ferienlager angeboten. Auch das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) und das Universitätsklinikum Tübingen haben entsprechende Einrichtungen zur Kinderbetreuung geschaffen. „Als erste deutsche Klinik hat das UKB zusätzlich eine Kinderzulage im arztspezifischen Tarifvertrag integriert“, berichtet Angela Kijewski, Pressesprecherin des UKB. Dieser Zuschuss trägt zur schnellen finanziellen Entlastung der betroffenen Familien bei. Auch die Uniklinik Freiburg misst der Kinderbetreuung einen hohen Stellenwert zu. „Bis zum Herbst 2012 werden wir das Angebot für unter 3-Jährige um weitere 30 Kitaplätze ausbauen“, berichtet Maike Busson-Spielberger, Referentin für Gleichstellung an der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Zu einem erfüllten Familienleben trägt auch das Angebot der St. Barbara Klinik Hamm-Heessen bei. Dort wurde ein Familienzimmer eingerichtet, in dem Familien ihre Pausen verbringen können. „Das Angebot wird auch gerne von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit älteren Kindern genutzt, die nach der Schule ihre Eltern in der Klinik besuchen“, berichtet Frau Dr. Birgit Sauer, Leiterin der Elternschule dort.

Unterstützung bei der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger
   

Nicht nur Eltern sind auf hohe Flexibilität von Seiten der Arbeitgeber angewiesen. Die demographische Entwicklung in Deutschland führt dazu, dass die Anzahl der pflegebedürftigen Angehörigen zunimmt. Diese Doppelbelastung darf nicht unterschätzt werden. Regelmäßige Veranstaltungen zum Thema Pflegebedürftigkeit, informieren darüber, wie Anforderungen besser gemeistert werden können.

Verbesserte interne und externe Kommunikation

„Die zunehmende Feminisierung der Medizin erfordert eine flexible, individuelle und zukunftsorientierte Personalpolitik – mit dem Fokus auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, meint Roswitha Happach, Leiterin des Referats Personalentwicklung des Universitätsklinikums Regensburg (UKR). Dies sei aber nur möglich, wenn sich die Klinikleitung ausdrücklich und langfristig zu diesem Fokus bekenne, denn dort würden die Grundsatzentscheidungen getroffen, um den Klinikalltag familienfreundlich zu gestalten und zielgerichtete Maßnahmen und entsprechende Aktivitäten zu initiieren und zu fördern. „Viele Mitarbeiter sehnen sich nach einem konkreten Ansprechpartner im Unternehmen, der sich um ihre persönlichen Anliegen kümmert. Aus diesem Grund hat man am UKR ein Familienbüro geschaffen, das Informationen, kompetente Beratung und individuelle Unterstützung zu den vielfältigen Fragen rund um die Themenbereiche Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen bietet“, führt Roswitha Happach aus.

Zur besseren internen Kommunikation können Medien als Hilfe dienen, da familienfreundliche Angebote nur etwas nutzen, wenn sie auch bekannt gemacht werden. Aus diesem Grund wird dem hausinternen Intranet oder vergleichbaren Alter
nativen eine immer größere Bedeutung zukommen. Das Universitätsklinikum Tübingen misst der internen und externen Kommunikation bereits eine hohe Bedeutung zu. „Wir werden den Bereich Kommunikation zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zukunft noch weiter optimieren“, berichtet Dr. Dagmar Brendle, die Leiterin des Bereichs Qualitätsmanagment. Zu diesem Zweck werden alle Informationen zum Thema künftig in einer Informationsplattform („Familienportal“) im Intranet gebündelt abrufbar sein. Speziell im Bereich interne und externe Kommunikation weisen viele Kliniken allerdings einen erheblichen Nachholbedarf auf. Dies überrascht, da speziell die externe Kommunikation im Wettbewerb um qualifiziertes Fachpersonal sehr wichtig ist.

Win-Win-Situation

Eine familienbewusste Arbeitsorganisation, der Ausbau der Elternzeit, erweiterte Kinderbetreuungsangebote und die Unterstützung bei der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger sind Maßnahmen, die dazu beitragen können eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen. Die Schaffung von entsprechenden Angeboten allein reicht aber nicht aus. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche familienbewusste Personalpolitik ist, dass auf allen Ebenen ein Bewusstsein für das Thema geschaffen wird. Die familienfreundliche Kultur muss spürbar sein. Wenn Mitarbeiter diesbezüglich zufriedener sind, kommt dies letztlich auch den Kliniken zugute, denn zufriedene Mitarbeiter arbeiten motivierter und davon profitieren auch die Patienten. Ein familienfreundliches Krankenhaus wird in der Öffentlichkeit als attraktiver und verantwortungsvoller Arbeitgeber wahrgenommen – eine Win-Win-Situation für alle. Wichtig ist aber, dies intern und extern richtig zu kommunizieren. Denn nur wer darüber informiert ist, welche Angebote in der jeweiligen Klinik vorhanden sind, kann sie auch wahrnehmen.

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