High Noon in der Doktorfabrik

Nach dem Skandal um die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg kam nun heraus, dass es auch unter den Medizinern schwarze Schafe gibt, die den Titel nicht rechtmäßig führen. Was treibt Absolventen zu diesem Betrug? Marius Pieruschka über die Gründe.

kallejipp / Photocase.com

Die Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg hat zu einer Diskussion über die Ethik wissenschaftlichen Arbeitens in der breiten Öffentlichkeit geführt. Dabei wurde auch der Wert eines Doktortitels thematisiert und die Frage gestellt, ob ein solcher Titel immer ordnungsgemäß erworben wird. Ganze Scharen von Plagiatsjägern machten sich nach der Guttenbergaffäre daran, die Dissertationen der Politikprominenz akribisch zu durchforsten.
Der bekannteste Fall für Plagiate in einer Promotion dürfte neben Guttenberg die EU-Abgeordnete der FDP, Silvana Koch-Mehrin, sein, welcher der Doktortitel von der Universität Heidelberg im Juni aberkannt wurde.

Doktorfabrik Würzburg? Auch Mediziner unter Verdacht

Nun sind auch Mediziner von einem Plagiatsskandal betroffen. Im konkreten Fall handelt es sich um das Institut für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg. Die Universität lässt insgesamt 20 Arbeiten aus den Jahren 1998 bis 2005 überprüfen, bei welchen man Zweifel habe, ob dort die Verleihung des Doktortitels gerechtfertigt sei. Der Anlass zur Überprüfung ist ein anonymer Brief, der von einer regelrechten ?Doktorfabrik? am Institut der Geschichte der Medizin spricht. Ein inzwischen emeritierter Professor oder seine Mitarbeiter sollen am besagten Institut gegen Bezahlung einer fünfstelligen Summe niedergelassenen Ärzten und Apothekern die Doktorarbeit geschrieben haben. In vier Fällen ließ sich dies bereits belegen, weil handschriftliche Notizen des emeritierten Professors mit der Druckfassung der Dissertationen übereinstimmen.

Anfragen zum Ghostwriting gehören durchaus zum Alltag

Ein solches Ghostwriting bei Promotionen erstreckt sich quer durch alle Fächer und ist auch dem akademischen Verein studi-coach e.V. bekannt. In Hamburg bietet man Studenten Coaching und Lektorat vor allem bei Abschlussarbeiten an. Wie ein Mitarbeiter von studi-coach e.V. berichtet, bekommt er regelmäßig Anfragen zu Ghostwriting für Dissertationen und Diplomarbeiten. So wird auch einmal ganz unverblümt am Telefon gefragt, was das Schreiben einer Diplomarbeit kosten würde. Dabei handelt es sich häufig um Studenten, die ein stark berufsqualifizierendes oft technisches Fach studieren. Sie verfügen bereits über einen Arbeitsvertrag und möchten möglichst schnell die Universität verlassen. Dann sind die Kosten für die Diplomarbeit nur eine reine Rechensache. Wenn ich in den drei Monaten 6000 Euro verdiene, sagt sich der Student, statt die Arbeit selber zu schreiben, kann ich schon 5000 Euro für einen Ghostwriter investieren.

Auch mancher Mediziner, der nach seiner universitären Ausbildung direkt in den Beruf übergeht, könnte auf die Idee kommen, seine Doktorarbeit von einem Ghostwriter erstellen zu lassen. Bei studi-coach e.V. lehnt man jede Form von Ghostwriting ab und macht die Anfragenden auf die Konsequenzen ihres Vorhabens aufmerksam. Stattdessen verweist man auf die Möglichkeiten des Coaching und Lektorats, mit dessen Hilfe jeder selbstständig seine wissenschaftliche Arbeit verfassen kann. Die 1846 Anfragen von Akademikern an studi-coach e.V. im Jahr 2010 zeigen aber auch, dass viele der Studenten gerade bei ihrer Abschlussarbeit überfordert sind und nicht die Hilfe von ihrem Betreuer bekommen, welche sie wünschen.

Damit übernimmt man in Hamburg Aufgaben, welche eigentlich die Universitäten leisten sollten. Jedoch zwischen einzelnen Lehrveranstaltungen, administrativen Aufgaben durch Bürokratie und der Vielzahl an Studenten bleibt den Professoren oft nicht die gewünschte Zeit für den einzelnen Studenten. Und auch bei einer Dissertation ist je nach Betreuer so mancher Doktorand weitgehend auf sich allein gestellt.

Quantität beherrscht Qualität: Der Druck auf Studenten und Wissenschaftler wächst stetig

Dabei hat der Druck auf Studenten aller Fachrichtungen in den letzten Jahren ständig zugenommen. So soll man in kürzester Zeit sein Studium abschließen, dabei am besten verschiedene Praktika und vielleicht einen Auslandsaufenthalt absolvieren. Wie hoch der Druck in der Wissenschaft ist, zeigt anschaulich ein Wissenschaftsskandal, der vor zwei Jahren an der Universität Göttingen aufgedeckt wurde. Dort haben Forscher eines Sonderforschungsbereichs Titel von wissenschaftlichen Aufsätzen auf eine Publikationsliste gesetzt, die gar nicht geschrieben wurden, um Drittmittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu erhalten. Der Skandal betraf etwa ein Dutzend Landschaftsökologen und ein Projekt, in welches die DFG über die Jahre Millionen investierte. Schon vor zwei Jahren wurden dann Stimmen laut, die einen solchen Publikationsdruck kritisch hinterfragten und zu mehr Qualität statt Quantität mahnten.

Doch diese Mahnungen sind nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. So gibt es auch heute Publikationslisten an einzelnen Fakultäten. Hier wird etwa bei den Naturwissenschaftlern aufgeführt, wie viele wissenschaftliche Aufsätze die einzelnen Mitarbeiter und Doktoranden einer Abteilung in einem Jahr veröffentlicht haben. Man tritt gerne in Konkurrenz zu anderen Abteilungen. Für so machen ehrgeizigen Abteilungsleiter spielt es dann keine Rolle, wenn die ?Konkurrenz? mehr Mitarbeiter als die eigene Abteilung hat und so zwangsläufig mehr veröffentlicht. Trotzdem möchte man die Nase vorne haben.

Der Druck auf die Studenten beginnt schon in den ersten Semestern. So mancher Student der Germanistik wundert sich, welcher Anzahl von Zeitschriftenartikeln und Monographien er entgegensteht, wenn er etwa einen Teilaspekt ?Der Blechtrommel? in der ersten Seminararbeit betrachten soll. Dann sind noch nicht die Online-Medien berücksichtigt. Diese Flut an Informationen betrifft dabei alle Studienfächer. So verweist der Jurist Professor Löwer in einem Interview der Frankfurter Rundschau vom Juni 2011 zu Plagiaten eben auf diesen Umstand: ?Als ich Student war, gab es etwa zehn Zeitschriften in Staats- und Verwaltungsrecht. Heute haben wir mindestens 60. Das zu bearbeitende Material übersteigt die Kapazität des einzelnen Wissenschaftlers.?

Die Guttenbergaffäre als Chance verstehen

Doch die Plagiatsaffäre um Guttenberg bietet eine besondere Chance. Der Mitarbeiter von studi-coach e.V. bemerkt, dass nach der Guttenbergaffäre die Nachfragen nach Ghostwriting rapide abgenommen haben. Die öffentliche Diskussion hat vielen vor Augen geführt, dass ein Plagiat eben kein Kavaliersdelikt ist. Wenn es uns gelingt, den Wissenschaftsbetrieb ein wenig zu verlangsamen, wenn wir in Zukunft mehr auf Qualität statt Quantität setzen, dann weicht auch der Druck, der auf allen Studenten und Mitarbeitern der Universität lastet. Dazu gehört Mut, doch es lohnt sich diesen Weg im Sinne aller Beteiligten zu beschreiten.

Der Autor: Marius Pieruschka, 35, hat in Tübingen Neuere Deutsche Literatur, Allgemeine Rhetorik und Soziologie studiert. Er war drei Jahre lang an der Universität Tübingen im Bereich Deutsch als Fremdsprache und im Lektorat tätig. Heute arbeitet er als freier Redakteur, Online-Texter, Blogger und SEO-Texter. Dabei verfasst er auch Texte zum Thema Wissenschaftliches Schreiben im Studium.

Share.