Es muss alles schnell gehen!

Monika ist eingeladen. Zu einem Power-Seminar. Erfolgreiches Verkaufen in 4 Stunden. Monika trifft im Seminar auf 25 Gleichgesinnte. Alle wollen in vier Stunden perfektes Verkaufen lernen. Der Trainer fackelt auch nicht lange: „Es kommt beim Verkaufen nur auf Eines an: den Kunden zu überzeugen. Und das in zwei Minuten. Denken Sie nur an den Elevator Pitch. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich mit einem möglichen Kunden im Aufzug. Der Kunde fährt in die 12 Etage. Da haben Sie knapp eineinhalb Minuten Zeit, den Kunden zu überzeugen.“

von Ulf D. Posé, dem Experten für Unternehmens- und Vertriebskultur auf www.academicworld.net

 

Zeit ist Geld. Muss deshalb alles immer so schnell gehen?

Monika ist nach zwei Stunden platt. Sie hat so viel gehört und wurde alle 10 Minuten aufgefordert, eine Übung zu absolvieren, dass  sie jetzt nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Das muss ich alles in Ruhe zuhause noch einmal nachlesen, nimmt sie sich vor. Am Ende der Veranstaltung hört sie schon nicht mehr richtig zu, sie kann nichts mehr in sich aufnehmen. Das Seminar rauscht an ihr vorbei. 

Monika erlebt etwas, das inzwischen ein Trend geworden ist. Alles muss schnell gehen.  Und alles muss auch sofort klappen. Die Arbeitswelt, und damit auch die Trainingswelt scheint auf der Suche zu sein nach Uhren, die schnell gehen, anstatt Uhren zu nutzen, die richtig gehen. Dabei wird vergessen, dass Menschen nicht unbegrenzt belastbar sind.  Es scheint jedoch eine Mentalität in der Arbeitswelt geworden zu sein, Menschen eine unbegrenzte Belastbarkeit zuzumuten.  

Spätestens mit Lean-Management fing es an. Führungskräfte sollten immer mehr Menschen direkt führen. So konnte man Hierarchieebenen wegstreichen. Es dauerte nur wenige Jahre, bis man in der Arbeitswelt gemerkt hat, dass dieses Lean-Management nicht wirklich funktioniert. Eine zu große Führungsspanne sorgt nur dafür, dass der Chef seine Leute nicht mehr führt, er für den einzelnen Mitarbeiter keine Zeit mehr hat. Ähnliches gilt auch für das Aufgabengebiet.  Die Arbeitswelt packt immer mehr auf die Schultern. Die Verantwortung für die Belastbarkeit des Mitarbeiters geht dabei verloren. Es gilt, wieder über die Grenzen nachzudenken, die Führung ziehen muss, damit die eigene Arbeitskraft, und die des Mitarbeiters langfristig erhalten bleibt.  

Gleichzeitig ist es kaum noch nachvollziehbar, wie gering die Bereitschaft geworden ist, die notwendige Zeit, und damit den notwendigen Aufwand in die Entwicklung von Mitarbeitern zu stecken. Es kommt mir vor wie jemand, der einen Kuchen backen will.  Dabei wird jetzt nicht mehr darauf geachtet, welchen Kuchen jemand backen will, sondern nur noch darauf geachtet, wie lange der Kuchen in den Backofen darf. Oder es wird ein Kuchen gebacken, der eigentlich normalerweise 45 Minuten bei 160 Grad gar wird. Das dauert dem Bäcker jedoch zu lange. Also nimmt er den Kuchen, erhitzt den Ofen auf 320 Grad und meint, dann müsse der Kuchen ja nur noch die Hälfte der Zeit im Backofen verbringen.

So kommt mir heute oft das Personalwesen vor, wenn es um die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern geht. In kürzester Zeit soll möglichst viel vermittelt werden. Dass das nicht funktioniert, merkt man spätestens dann, wenn nach 14 Tagen oder vielleicht drei Wochen nach einem Seminar nichts mehr hängen geblieben ist. Inzwischen freuen sich manche Teilnehmer in Seminaren, wenn fünf Prozent der Inhalte behalten werden. Die Seminare sind so vollgepackt, dass kaum noch Zeit bleibt für eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten, kaum noch vermittelt wird, worum das eine oder andere wirklich sinnvoll ist.

Schon der Philosoph Nietzsche meinte einmal: „Nur wer ein Warum kennt, erträgt und versteht jedes Wie.“ Oft fehlt einfach die Zeit, auch Einsicht zu vermitteln. Dabei ist die Einsicht, warum eine Sache sinnvoll ist, notwendige Voraussetzung, sich auch an bestimmte Dinge zu halten. Wenn dafür keine Zeit vorhanden ist, dann darf sich das Personalwesen nicht wundern, wenn Seminare in ihrem Nutzen  verpuffen. Wer zu viel in zu kurzer Zeit will, erreicht oft nichts. Das wusste schon Till Eulenspiegel, der einem Händler mit einem Ochsenkarren begegnete. Der Händler drosch auf die Ochsen ein, damit sie richtig schnell liefen. Und er fragte Till Eulenspiegel, wie lange er noch benötigen würde, um zur nächsten Stadt zu kommen. Eulenspiegel antwortete: „Wenn Du so weiter auf die Ochsen eindrischst, dann wirst Du wohl in zwei Tagen dort ankommen. Wenn Du gemütlich Deine Ochsen traben lässt, dann wirst Du in fünf Stunden dort ankommen.“ Der Händler raste weiter, und nach 3 Stunden begegnete Till Eulenspiegel dem Händler wieder, der mit einem gebrochenen Rad und einem zusammengebrochenen Ochsen am Straßenrand saß und jammerte. „Hab ich Dir doch gesagt. Wenn Du so weiterrast, kommst Du erst in zwei Tagen an“, meinte Till und spazierte weiter.

Wir sollten wieder lernen, uns die passende Zeit zu nehmen. Aufwand und Nutzen müssen wieder in einem rechten Verhältnis zueinander stehen. Persönlichkeitsentwicklung in drei Stunden ist einfach nicht möglich. Perfektes Verkaufen lernen in einem halben Tag ist schlichtweg Unsinn.

Ein schönes Beispiel dafür hat einmal ein Personalchef mit einem Outdoor-Trainer erlebt.  Der Outdoor-Trainer wollte unbedingt den Auftrag für ein Überlebenstraining haben. Er verhandelte mit dem Personalchef den Zeitrahmen.  Die beiden waren irgendwann bei zwei Tagen abgekommen. „Das ist zu lang. Geht es nicht kürzer?“, fragte der Personalchef. Nach weiteren Argumenten landeten die beiden bei einem halben Tag. An dieser Stelle wurde es dem Personalchef dann doch zu bunt: „Sie wollen also in einem halben Tag ein Überlebenstraining mit unseren Leuten durchführen?“ Der Trainer nickte. „Wenn ich an einem Überlebenstraining teilnehme, das einen halben Tag dauert, dann setzte ich mich in den Wald, und warte einen halben Tag, bis man mich wieder abholt“, meinte der Personalchef, „also, was soll der Unsinn. Das bringt doch nun wirklich keinen Lerneffekt.“

Recht hat er. Genau darüber sollte nachgedacht werden. Passen der Zeitrahmen und die Zielsetzung, das Lernziel zueinander oder eher nicht. Denken Sie daran, es gibt keine Uhren die schnell gehen, es sollte nur Uhren geben, die richtig gehen. 

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