Empörung tut Not. Wirklich?

Die Medien übernehmen heute oft die Funktion des mittelalterlichen Prangers: Das Fehlverhalten anderer wird öffentlich zur Schau gestellt und verurteilt. Das soll der Erziehung der Masse dienen und deshalb ist deren Empörung gut und erwünscht. Aber stimmt das?

von Ulf D. Posé, dem Experten für Unternehmens- und Vertriebskultur auf www.academicworld.net

Am Pranger der medialen Öffentlichkeit steht man heutzutage schnell. Angeblich dient das der moralischen Erziehung. Aber wie sieht das die Ethik? (Photo: Richard Scharpenberg/pixelio.de)

Am Morgen schlägt man die Zeitung auf. Und was steht da? Da hat sich doch schon wieder ein Unternehmer reichlich daneben benommen. Hat Steuern hinterzogen. Eine Frechheit! Hoffentlich bekommt er ein vernichtendes Urteil. Strafe soll er zahlen, am besten sein Vermögen verlieren. Haben uns nicht schon vor Jahren diese miesen Finanzjongleure ins finanzielle Elend gestürzt? Wir mussten alle gerade stehen für Fehler die wir nicht begangen hatten. Das muss angeprangert werden! Das muss verurteilt werden! Zum Glück haben wir die Medien, die sich des Missbrauchs, des Fehlverhaltens annehmen. Die Medien machen uns auf Missstände aufmerksam. Das ist wichtig und richtig. Ohne die Fingerzeige der Medien wüssten wir ja gar nicht, wer sich alles daneben benimmt.  Ob der Bundespräsident oder der Banker, der Unternehmer oder Politiker.  Wer Dreck am Stecken hat, muss in die Öffentlichkeit gezerrt, an den Medienpranger gestellt werden. Und wir empören uns mit. Das tut uns gut. Wir sind den Medien dankbar für die Aufklärung.

Ist das alles aber richtig so? Ethisch vertretbar?

Nach allem, was man über heute die Bedeutung von Medien weiß, haben diese die selbst gewählte Funktion des Prangers der Neuzeit. Im Mittelalter wurde man noch auf dem Marktplatz am Pranger ausgestellt. Heute wird derjenige, der sich fehl verhält, gefilmt, fotografiert, herabgewürdigt, beschimpft, verurteilt, bevor seine Schuld überhaupt festgestellt wurde. Bundespräsident Wulff ist ein beredtes Beispiel dafür. In 52 Punkten wurde gegen ihn ermittelt. Übrig blieb am Ende nur einer. Und es folgte ein Freispruch erster Klasse.

Vorverurteilung findet täglich in den Medien statt. Die Medien kennen kein „in dubio pro reo“. Die Moral der Medien reduziert sich auf Stigmatisieren. Journalisten können, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, durchaus nach eigenem Gutdünken etwas pointiert darstellen oder Wichtiges verschweigen. Für die daraus entstehende Volksmeinung fühlen sie sich in aller Regel nicht verantwortlich. Sie behaupten, des Volkes Meinung nur wieder gegeben, nicht erzeugt zu haben. Zeitungen, Radio und Fernsehen scheinen nach dem altrömischem Grundsatz „panem et circenses“ zu gehorchen. Sie bieten oft die gleiche Art der Unterhaltung wie öffentliche Hinrichtungen.

Ein beträchtlicher Teil dessen, was wir Nachrichten nennen, sind nichts anderes als Berichte über Fehlverhalten und seine Folgen. Es ist höchst interessant, dass Verbrechen und abweichende Verhaltensweisen soviel Aufmerksamkeit erregen. Weshalb man durchaus nachvollziehen kann, wenn ein Manager zu verhindern versucht, öffentlich zur Schau gestellt zu werden. Wenn es den Medien passt, dann werden sogar Meldungen bar jeglichen Wahrheitsgehaltes erfunden.

Roger Willemsen hält offensichtlich recht wenig von der ethischen Ausrichtung der Medien. Er meinte schon vor Jahren: „Das Fernsehen hat ein einziges Interesse, die Quote. Die Menschenwürde ist nachgeordnet.“ Laut Willemsen sind Menschen für die Medien nichts anderes als ein Markenartikel. Bei manchen Berichterstattungen darf die Frage gestellt werden, ob denn nicht jeglicher Respekt inzwischen verloren gegangen ist.

Die Medien erweisen uns einen großen Dienst. Meinen die Medien, und wir folgen ihnen oft mit unserer Zustimmung. Sie präsentieren uns Übeltäter, deren Fehlverhalten uns freut, dem moralischen Empfinden des Volkes Nahrung gibt.  Stellvertretend für uns alle benehmen sich Manager, Politiker unredlich, unethisch, ja sogar verwerflich.  Damit bekommen diese miesen Typen mediale Prügel, die wir nicht einstecken müssen. Das befriedigt kolossal unser moralisches Empfinden. Es ist schon komisch, dass die Medien, und nicht wenige Menschen mit ihnen,  immer wieder ein Objekt ihrer moralischen Begierde benötigen, um uns empören, aufregen zu können. Diese Aufregung tut uns unwahrscheinlich gut. Diese Topmanager müssen sich endlich redlich und anständig benehmen, sie müssen büßen. Und so können wir unsere kleinen Schandtaten verbergen. Müssen keine Guten Taten verrichten. Wir haben ja schon jemanden, der statt unser sich redlich zu verhalten hat.

Die Medien helfen uns dabei, die Tabubrecher des Volkes zu entdecken. Medien  leisten einen hervorragenden Dienst am moralischen Empfinden der Leser, indem sie uns die Möglichkeit verschaffen, uns verdammt gut zu fühlen.

Das Dumme ist nur, wir fragen nicht mehr nach der Berechtigung oder gar Angemessenheit der Verurteilung oder gar Vorverurteilung. Das Tragische und auch völlig Verkehret liegt in der Doppelmoral von Medien und Leserschaft. Die Medien bedienen in angenehmer Weise das Volksempfinden. Ohne Sündenböcke wäre die Welt nur halb so schön. Stellen Sie sich vor, alle Menschen würden sich ethisch einwandfrei benehmen. Wir hätten dann niemanden mehr, auf den unser moralischer Finger zeigen könnte. Welch´ ein Elend!

Die Medien leisten also einen hervorragenden Dienst, indem sie Goethes Wort aus Dichtung und Wahrheit folgen: „Dass sich der Mensch am freisten und am völligsten von seinen Gebrechen los und ledig fühlt, wenn er sich die Mängel anderer vergegenwärtigt und sich darüber mit behaglichem Tadel verbreitet.“ Besonders attraktiv ist Goethes Wort dann, wenn es sich um bekannte Persönlichkeiten handelt.

Untergegangen ist in dieser moralischen Empörung der Respekt für Menschen. Respekt ist für mich die soziale, innere Verpflichtung, einen Menschen in seinen Werten, Bedürfnissen, Interessen und Erwartungen zu achten und das tägliche Miteinander sozial verträglich zu gestalten.  Und dass der Respekt aus moralischer Empörung auf der Strecke bleibt, das sollten wir verhindern wollen.

Share.