Ein neues Verständnis von Qualifizierung

Michael Vos ist Gründer und Vorstand der Matrix Communications AG, die international agierende Unternehmen bei der Übersetzung und dem Management multilingualer Inhalte unterstützt. Für ihn gehört die
Vielfalt seiner Kollegen in ihrer Lebenseinstellung, Herkunft und Persönlichkeit zur DNA von Matrix. Im Interview spricht er unter anderem davon, dass eine geringere Formalismus-Gläubigkeit die Talent-Vielfalt im Unternehmen erhöht – etwa durch Geisteswissenschaftler in der Projektleitung.

Die Matrix Communications AG übersetzt und publiziert multilinguale Dokumente für ihre Kunden.. Bild © cienpies – Fotolia.com


Herr Vos, beschreiben Sie doch bitte, was Ihr Unternehmen eigentlich genau macht.

Wir übersetzen und managen Inhalte. Das heißt, wir helfen Unternehmen, all ihre Informationen global auszurollen.

Die Vorstellung, dass das Übersetzen von Texten eher eine individuelle Manufakturarbeit ist, musste ich beim Besuch Ihres Unternehmens schnell ad acta legen.

Das ist richtig. Eine Rede oder eine Marketingbroschüre wird natürlich ganz individuell übersetzt. Aber in der  kontinuierlichen Zusammenarbeit mit weltweit tätigen Konzernen liegt der Fokus auf der optimalen Nutzung vorhandener, bereits übersetzter Inhalte. Die Texte müssen nicht immer wieder aufs Neue komplett übersetzt werden. Es kommen Datenbanken zum Einsatz, welche die ganz spezielle Terminologie des Auftraggebers berücksichtigen. Zudem entwickeln wir Technologien zur maschinengestützten Übersetzung, die im Bereich der technischen Dokumentation zunehmend zum Einsatz kommen. Deswegen sind auch unsere IT-Entwickler so wichtig für uns.

Das Geschäftsfeld Ihres Unternehmens bedingt es, international zu sein. Wie zeigt sich dies in Ihrem Team?

Alleine in unserer Münchner Mannschaft arbeiten Kollegen mit 14 verschiedenen Nationalitäten, dazu haben wir ein weltweites Netzwerk mit 2.000 Partnern in 57 Ländern sowie Tochterunternehmen in England, Italien und den Niederlanden. Bei uns ist alles irgendwie international und die unterschiedliche Herkunft der Kollegen gibt dem Unternehmen sehr viel. Es herrscht eine andere Kultur der Offenheit und sicherlich auch der Lebhaftigkeit, als dies in weniger internationalen Teams der Fall ist. Ich bin überzeugt davon, dass wir Probleme viel kreativer lösen, als dies mit strikt homogenen Belegschaften der Fall ist.


„Wenn wir unsere Jugend in den Schulen weiterhin zur Konformität erziehen, brauchen wir uns nicht wundern, dass diese Menschen in der Arbeitswelt auch nicht quer denken.“


Woran liegt das? 

Deutschland ist ein Land, in dem Menschen von klein auf mit der typischen Ingenieurskunst aufwachsen. Das Land ist zum Beispiel stark im Automobil- und Maschinenbau und hat sich auf dem Gebiet eine herausragende Stellung in der Welt erarbeitet. Dinge werden im Detail immer ein Stückchen besser gemacht, aber manchmal geht dabei der Blick für das große Ganze verloren.

In anderen Ländern habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sich weniger leidenschaftlich der Detailverbesserung von Prozessen widmet, dafür aber schneller eingeschlagene Wege in Frage stellt, um sich dann flexibler und zügiger auf Innovationen zu fokussieren. Beide Wege haben ihre Vorzüge. Der Reiz für mich liegt darin, ein Unternehmensklima zu schaffen, in dem die unterschiedlichen Mentalitäten miteinander verschmelzen.

Dass diese Vielfalt in Unternehmen nur vorteilhaft sein kann, haben zahlreiche Firmen verstanden und fördern dies aktiv über Diversity-Programme. Gibt es Unterschiede zwischen großen und mittelständischen Unternehmen, was die Durchsetzbarkeit des Diversity Managements betrifft?

Viele Konzerne haben erkannt, dass Teams mit zu vielen ‘Klonen’ und zu wenigen ‘Typen’ oft keinen dauerhaften Erfolg  garantieren. Ganze Stabsabteilungen und große Mengen Geld werden eingesetzt, um ein neues, besseres Gleichgewicht in ihren Personalstrukturen herzustellen. Die Frage dabei ist, inwieweit sich Denkmuster, die uns nunmehr über einige Jahrzehnte antrainiert wurden, mal eben schnell über Bord werfen lassen.

Wenn wir unsere Jugend in den Schulen weiterhin zur Konformität erziehen, brauchen wir uns nicht wundern, dass diese Menschen in der Arbeitswelt auch nicht quer denken. Kleinere und mittelständische Unternehmen sind diesbezüglich im Vorteil, weil sie sich flexibler neu ausrichten können und ihre Veränderungsprozesse nicht ­monatelang geplant werden müssen, bevor sie in Gang gesetzt werden können.

Am Ende entscheidet häufig die Kultur unter den direkten Kollegen, ob Diversity wirklich gelebt wird oder doch nur zum Marketinginstrument verkommt. Als Vorstand eines mittelständischen Übersetzungsunternehmens habe ich natürlich leicht reden, weil unser Unternehmen ohne heterogenes Team überhaupt nicht überleben könnte. Hautfarbe, Nationalität, sexuelle Orientierung, Geschlecht oder Alter spielen bei uns überhaupt keine Rolle.

Hat denn Ihrer Meinung nach heute jeder die gleichen Chancen im Beruf – die entsprechende Qualifikation vorausgesetzt?

In unserer Firma schon. Aber wenn ich mal über den Tellerrand schaue, dann kommen mir da Zweifel. Deshalb glaube ich, dass man den Gedanken von Diversity – der ja sehr schön und positiv ist – erweitern sollte. Im Kern geht es darum, bestimmte Menschen von Karrierewegen nicht auszuschließen, zu denen sie befähigt sind.

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