Die Gutmenschenfalle

Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, besagt ein Sprichwort.
Stimmt: Die gemeinsten Fallen sind jene, die man sich selber stellt. Doppelt schlimm freilich ist es, wenn man nicht mal merkt, dass man hineintappt. Und das ist häufiger der Fall als wir denken. Konkret: Spieltheoretiker wissen, warum es gut ist zu kooperieren – aber eben nicht immer.

Wir sind darauf konditioniert, immer nachzugeben und uns alles gefallen zu lassen

Rolf steht im Supermarkt in der Schlange vor der Kasse. Von hinten kommt eine Dame: „Junger Mann, Sie werden mich bestimmt vorlassen, ich habe doch nur drei kleine Teile.“ Rolf ist nicht einverstanden, vorlassen möchte er die Dame eigentlich nicht. Aber sie hat sich schon vor ihm eingeordnet und spricht die Frau vor ihm an. Es fallen die gleichen Worte, die Dame drängelt sich weiter vor. Rolf findet dies überhaupt nicht in Ordnung, aber beschweren will er sich nicht. Obwohl er selbst nur eine Packung Toastbrot in der Hand hält, stellt er sich ordentlich an. „Ich benehme mich doch nicht daneben, nur weil ein anderer sich daneben benimmt“, findet er. Dass er nicht gemeckert hat, findet er gut. „Man muss immer Vorbild sein“, denkt er. Irgendwann werden solche Leute wie die eilige Dame schon begreifen, dass das Zusammenleben nur dann funktioniert, wenn man selbst Vorbild in sozialer Verträglichkeit ist.

Hat Rolf Recht? Ist sein Vorgehen vorbildhaft? Die Antwort kann nur lauten: Nein, nein, und nochmals nein. Rolf hat nur Eines bewirkt: Die sich vordrängelnde Dame hat erreicht, was sie wollte. Sie hat von Rolf gelernt: Mit dem Vordrängeln behalte ich Recht.

Schon in der Bibel gibt es einige Angebote, die eigentlich das Zusammenleben erschweren, obwohl behauptet wird, dass durch dieses Verhalten das Zusammenleben erleichtert werden soll. Ein Beispiel: „Wenn dich jemand auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm die rechte hin.“ Es gibt kaum einen größeren Unsinn, als zu erwarten, mit solch einer Vorgehensweise das Zusammenleben zu erleichtern. Das Prinzip „linke Wange – rechte Wange“ macht keinen Sinn? Richtig. Denn was lernt der „Schläger“? Er kann mir auch auf die rechte Wange hauen, ohne eine Sanktion fürchten zu müssen. Ja, er kann sogar sicher sein, dass er auch die andere Wange angeboten bekommt. Das motiviert ihn nur, nochmals zuzuschlagen.

Ich wundere mich immer wieder, wie inkonsequent wir sind, wenn Mitmenschen sich daneben benehmen. Wer am lautesten schreit, setzt sich durch. Wer seinem Egoismus frönt, bekommt auch noch Recht, da sich niemand dagegen wehrt. Dieses Duckmäusertum, das sich hinter dem moralischen Anspruch versteckt, durch sein Verhalten zu zeigen, was eigentlich richtig wäre, zeigt doch nur eines: Dass wir uns nicht recht trauen, den Dingen Einhalt zu gebieten, die einfach nicht in Ordnung sind. Das muss aufhören. Wir sollten lernen, uns angemessen gegen Unverschämtheiten zu wehren. Es kann doch nicht sein, dass immer nur die Lautesten Recht behalten. Und dass sich diejenigen Menschen, die sich daneben benehmen, auch noch durchsetzen können.

Andererseits halten wir das Nachgeben durchaus für richtig. Wir wollen ein Vorbild sein. Das ist im Prinzip sicher richtig, es bedeutet jedoch nicht, sich widerstandslos den Unverschämtheiten der Mitmenschen auszuliefern. Nachgeben macht sicher Sinn, jedoch nicht immer und jederzeit. Wer sein gesamtes Leben die Faust nur in der Tasche ballt, wird irgendwann seine Hände nicht mehr freihaben, weil sie ständig in seinen Taschen stecken. Wir sind kulturell darauf konditioniert, jederzeit nachzugeben – aber auch dort, wo das Nachgeben nicht sinnvoll ist. Wir geben ständig nach, und fühlen uns auch noch mies dabei. Damit sollten wir aufhören.

Mit anderen Menschen zu kooperieren macht Sinn, jedoch nicht immer. Genauer: Wir sollten nur dann mit anderen Menschen kooperieren, solange diese Kooperation von Erfolg gekrönt ist. Wann aber ist es richtig, zu kooperieren? Und wann ist es richtig, seine Kooperationsbemühungen einzustellen?

Nicht wenigen Menschen fällt es schwer, hier das rechte Maß zu finden. Dabei ist es eigentlich ganz einfach, ja sogar wissenschaftlich untersucht. Was im menschlichen Umgang wann erfolgreich ist, wurde bereits vor rund 30 Jahren präzise analysiert. Schon damals haben Spieltheoretiker herausgefunden, nach welchen Regeln das soziale Miteinander sich am besten gestalten lässt. Schon in den siebziger Jahren experimentierte Robert Axelrod von der University of Michigan mit dem Gefangenendilemma. Wir erinnern uns – die Situation ist die Folgende: Zwei Personen werden wegen eines Verbrechens verhaftet, doch der Polizei fehlen die Beweise. Die Verdächtigen werden in getrennte Zellen gesperrt, damit sie sich nicht austauschen können. Beide werden belehrt: Wer gegen den Mithäftling aussagt, wird für seine Kooperation belohnt und freigelassen, vorausgesetzt, der andere sagt nicht gegen ihn aus. Sagen beide Häftlinge gegeneinander aus, bleiben sie im Gefängnis; da sie jedoch beide kooperiert haben, fällt die Strafe geringer aus. Sagt einer von beiden nichts, ergeben sich zwei Möglichkeiten: Wenn sein Mithäftling ebenfalls schweigt, kommen beide aus Mangel an Beweisen frei. Sagt jedoch sein Mithäftling gegen ihn aus, muss er mit einer langen Freiheitsstrafe rechnen.

Das Gefangenendilemma zeigt die Entscheidungssituation zwischen der ausschließlichen Verfolgung des eigenen Interesses (gegen den Mithäftling aussagen, um die schlimmsten Folgen für sich zu vermeiden, und hoffen, dass der Mithäftling schweigt) und dem Versuch, mit einem anderen zu kooperieren und dabei sowohl das eigene Interesse als auch das des anderen zu berücksichtigen (wenn beide Häftlinge schweigen, kommen beide frei).

Axelrod versuchte nun die Frage zu lösen, wie ein Gefangenendilemma mit einer unbekannten Zahl von Runden zu spielen sei. Anstatt jedoch das Problem zu analysieren, schrieb er einen Wettbewerb aus: Vierzehn Sozialwissenschaftler wurden um einen Vorschlag für die beste Strategie gebeten. Anschließend ließ er in einem Turnier jede Strategie gegen jede andere antreten.

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