Busch-Doktor im Einsatz

Impressionen meiner Arbeit: Anstehen für Hilfe,

Auf dem Dorfplatz hält unser Geländewagen. Während sich schon lange Schlangen wartender Patienten bilden, bauen wir unser Instrumentarium auf. Waage, Stethoskop, Lampe für den Arzt. Ein Tisch voller Zangen und Hebel und ein alter Klappstuhl für mich als Zahnarzt. Und dann geht es an die Arbeit. Lokale „volunteer health workers“ helfen bei der Organisation, füllen Behandlungskarten aus, wiegen, verpacken Medikamente. Ein Patient nach dem anderen setzt sich, zeigt auf den schmerzenden Zahn und schon wenige Sekunden später betäube ich den faulen Zahn. Das machen wir bei fünf Patienten nacheinander, bevor ich mit den Extraktionen beginne. Es gibt keinen Strom, keinen Bohrer, keine Zeit, Zähne zu retten. Das machen wir den ganzen Tag so, bis wir alle Patienten geschafft haben. Das heißt: bis wir bei den Patienten, die sich getraut haben, den schmerzhaftesten Zahn entfernt haben. Das ist die Spitze des Eisberges und ist wirklich nur ein ganz kleiner Schritt. Aber ist es nicht trotzdem besser als gar nichts zu tun? Es sind alles Einzelschicksale, wie das des netten tapferen Reisbauers,  der drei Stunden durch die Berge wandert, weil er vor Schmerzen nicht mehr schlafen kann.
Als Mediziner stellt einen die Arbeit im Busch vor große Herausforderungen. Hitze, Lärm, Staub und Mücken machen einem zu schaffen. Vor allem aber sind wir nur auf das angewiesen, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Kein Röntgenbild hilft uns, kein Ultraschall, kein Blutbild. Wir müssen also erst wieder lernen, uns den Menschen anzuschauen: Wie ist seine Hautfarbe, wie läuft er, wie atmet er? Wenn wir schon nicht seine Sprache sprechen, was verraten seine Augen? Wir müssen erst lernen, den Umgang mit Schmerz auf den Philippinen richtig zu deuten. Übertreibt oder untertreibt der Patient? Für uns Gerätemediziner ist diese Erfahrung ein Segen, von der auch unsere Patienten zu Hause nur profitieren können. Nichts hält uns hier von der eigentlichen ärztlichen Tätigkeit ab: außer einer blauen Pappkarte, auf der wir die Diagnose und Therapie für den Nachbehandler vermerken, gibt es keine Bürokratie.

Es gibt keine Versicherungen, die Behandlungen bezahlen oder verweigern, es gibt keine Streitereien über Abrechnungsfragen, freie Betten, Liegedauern, Kostenübernahmen … weil es nicht mal ein Krankenbett gibt. Es gibt in erster Linie einen kranken Menschen, der vor uns steht und hofft, dass wir ihm helfen können. Und die Menschen sind krank hier. Wir sehen Krankheitsbilder, die wir zu Hause nie zu Gesicht bekommen, vor allem nicht in dieser Größe. Tuberkulose, Malaria, großflächige Ulzera, die bei dem feuchtwarmen Klima nicht heilen, Lungenentzündungen, Parasiten. Und wir sehen Gebisse voller zerstörter Zähne, Epuliden, extraorale Fisteln, Abszesse.
Glücklicherweise ist Unterernährung in diesem Teil der Welt nicht mehr das zentrale Problem. Wir filtern nur das ein oder andere untergewichtige Kind heraus und weisen es zur Stabilisierung in eines unserer drei Krankenhäuser auf Mindanao ein. Manche Leidenswege nagen auch an unserer Psyche. Als wir einmal in einem besonders armen Dorf sind, wo viele Kinder nichts als ein langes T-Shirt tragen und die Mütter sich mit Bast die Flip-Flops zusammenflicken, denke ich an den iPod in meiner Tasche, das Auto, die Wohnung zu Hause. Ich denke an die 16jährigen Philippinas, denen ich reihenweise die oberen Frontzähne entfernen muss und ich denke an die millimetergroßen Füllungen, die ich zu Hause lege.
Ein großes Problem bei medizinischer Arbeit in Entwicklungsländern ist der Mentalitätsunterschied. Schließlich denkt man auf den Philippinen viel weniger an morgen als bei uns. Vielleicht ist es die Jahrtausende lang praktizierte Vorratshaltung für den harten Winter im Gegensatz zu den  ganzjährigen Ernten in den Tropen, das uns so unterschiedlich geprägt hat? Wenn asiatische Sorglosigkeit auf europäische Sicherheitsgedanken stößt, dann versteht man sich häufig nicht. Für unsere deutschen Patienten ist es einleuchtend, heute einen Blutdrucksenker zu nehmen oder die Zähne zu putzen, um morgen einem Gefäßleiden oder einer Karies vorzubeugen. Für philippinische Patienten ist es nicht einleuchtend. Wer weiß schon, was morgen ist? Ein Taifun? Ein Erdbeben? Da muss ich mich doch heute nicht mit Sorgen belasten …
Dieser Hintergrund macht die Behandlung chronischer Patienten extrem schwierig. Die Versorgung von Hypertonikern oder Diabetikern ist, selbst wenn Medikamente in ausreichender Menge vorhanden wären, praktisch nicht realisierbar, wenn unsere rolling clinic nur alle sechs Monate vorbeikommt. Hier sterben Menschen, denen wir unter diesen Bedingungen nicht besser helfen können. Das ist eine traurige Erkenntnis.
Trotzdem: „Ärzte für die 3. Welt“ unterhält seit Jahren ein einfaches, aber funktionierendes Netz der Basismedizin. Durch die nachhaltige Organisation und die enge Einbindung in lokale Strukturen ist die Arbeit zu einem wichtigen Standbein der Gesundheitsversorgung geworden. Und wenn nach einem schweißtreibenden Arbeitstag eine Familie, denen ich einige Zähne gezogen habe, nochmal mit dem Motorroller und einem Säckchen Reis zurückkommt, um sich mit „Salamat“ für die Behandlung zu bedanken, dann hat man das Gefühl, dass sich die Arbeit doch gelohnt hat.

Dr. med. dent. Christoph Grundel

Dr. med. dent. Christoph Grundel, 35, (Foto unten) absolvierte das Studium der Zahnmedizin an der Universität Freiburg und ist heute als Zahnarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Rottenburg-Wurmlingen tätig.

„Ärzte für die 3. Welt e.V.“ ist eine anerkannte mildtätige Organisation, die mit dem DZI-Spendensiegel ausgezeichnet ist. Interessierte werden jederzeit gesucht. Weitere Informationen zu Voraussetzungen und den einzelnen Projekten finden Sie unter www.aerzte3welt.de

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