Bin ich nicht toll?

Das Wort Selbstdarsteller ist negativ behaftet. Sich selbst darzustellen und zu vermarkten, ist jedoch zweifelsohne eine wichtige Fähigkeit – an der man jederzeit und ein ganzes Leben lang arbeiten kann.

von David Lins

 

Der Schlüssel für eine gelungene Selbstdarstellung ist in erster Linie Selbstbewusstsein.

Wer schon einmal die Gelegenheit hatte, Amerikaner oder Briten bei einer Präsentation oder einem Vortrag zu erleben, kommt nicht umhin zu bemerken: Alle Achtung, Respekt, Respekt, mein lieber Herr Gesangssverein! Irgendwie ist das deutlich besser, als alles, was ich sonst so gesehen habe. Da wird frei gesprochen, der Witz zur Einleitung sitzt und ich habe ihn noch nicht hundertmal gehört, der Vortrag ist strukturiert und Fragen werden abgeklärt beantwortet. Statt wie bei mir Schweiß, dringt hier Souveränität aus jeder Pore.

Dabei weiß man doch: Der da vorne ist ein Amerikaner! Wie wir alle seit einer Überdosis Michael Moore wissen, denken die doch alle, dass Deutschland in Bayern liegt, alle Deutschen Lederhosen tragen und dass unser geliebter König Hitler verantwortlich für die deutsche Wiedervereinigung ist? Aber dieser Kerl da vorne ist der intelligenteste, charismatischte und gebildeste Mensch, den es gibt. Zumindest macht es den Anschein und die Frage drängt sich auf: Wie schafft man so etwas?

Man kann alles lernen – wenn es denn gelehrt wird

Im Zweifelsfall vermutlich durch Ritualisierung. Wenn freies Reden seinen Schrecken verloren hat, zum Ritual geworden ist, bleibt mehr Zeit und Muße für die Kür – sich ein exzellentes Scherzchen zu überlegen. In amerikanischen Universitäten, aber auch den meisten Eliteschmieden der Welt wird viel mehr gelehrt und gelernt als bloßes Fachwissen.

Prof. Dr. Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), seit jeher eine Verfechterin des „lebenslangen Lernens“, erzählt: „Als ich in den USA studierte, wurde ich gleich in einen Kurs für ,creative writing’ gesteckt. Mein Einwand, dass ich nicht vorhätte, Schriftstellerin zu werden, wurde nur müde belächelt. Es gehört dort einfach zum Pflichtprogramm, genau wie das Debattieren zum Unterricht gehört.”

Insofern ist das sehr beruhigend: Es ist also keineswegs so, dass das Präsentieren den Pilgervätern in den Genen lag und dann von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Auch Mister Charisma wird in seinem ersten Jahr in Harvard noch hübsch rumgestottert haben. Was einen persönlich per se keinen Jota weiterbringt. Universitäten bilden seit jeher zu Forschern aus – und viele tun das immer noch. Selbst dort, wo Forschung ohnehin nur einen ungeordneten Raum einnimmt. 

Vorbereitung auf die Praxis: Meist noch Privatsache

Stephanie Kurz unterrichtet seit einem Jahr an einem Münchner Gymnasium. Rückblickend auf ihr Studium stellt sie fest: „Die Uni hat keine einzige Lehrveranstaltung angeboten, die darauf vorbereitet, vor vielen Menschen laut und frei zu sprechen – das täglich’ Brot des Lehrerberufes. Es gibt keine Schulungen dazu, weder im Studium noch während des Referendariates. Man muss es dennoch können und sich irgendwie aneignen. Das Schlimmste dabei: Man wird von den Professoren sogar für die schlechtesten und abgelesenen Referate gelobt. Das ist fatal für angehende Lehrer.“

Ähnliches erlebt jeder gleich zu Studienbeginn. Referate gehören bei Erstsemestern in der Tat zu den schlimmstmöglichen Ernstfällen. Was auch kein Wunder ist: Mit rund fünf bis sieben Referaten kommt man locker durch seine Schulzeit – eine wirkliche Vorbereitung kann das nicht sein, nicht auf die Uni und erst recht nicht auf die Arbeitswelt. Eher überraschend kommt oft der Durchbruch an der Uni: an einem dieser wunderbaren Tage, wenn zufällig auftretendes Selbstbewusstsein und gute Vorbereitung aufeinandertreffen.

Selbstbewusstsein als Schlüssel

Der Schlüssel für eine gelungene Selbstdarstellung ist in erster Linie Selbstbewusstsein. „Selbstbewusstsein ist heutzutage im Beruf wichtiger denn je”, meinen auch Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader vom Büro für Berufsstrategie. „Im härter gewordenen Wettbewerb muss jeder sein eigener Unternehmer sein und sich selbst vermarkten, so gut es geht. Für Fortkommen und Selbstbewusstsein sind Ihre Fähigkeiten in der Gesprächsführung und im freien Reden essentiell. Die gute Nachricht: Sie können Ihr Selbstbewusstsein in jeder Lebensphase auf- und ausbauen.” Möglichkeiten dazu gibt es reichlich. Besonders stark steigt das Selbstbewusstsein, wenn Hürden genommen werden, die man vorher als hoch oder zu hoch empfunden hat. Wichtig dafür ist sicher, seine Stärken und Schwächen zu kennen und an diesen gezielt zu arbeiten beziehungsweise diese auszubauen. Seine Stärken und Schwächen uneitel zu benennen, ist ohnehin nicht verkehrt, diese Art der Selbstreflektion wird in fast jedem Vorstellungsgespräch verlangt.

Daneben weiß jeder, dass Selbstbewusstsein immer subjektiv ist. Wer beispielsweise als junger Student ein Start-up gegründet hat, damit nach zwei Jahren Pleite gegangen ist und wieder an die Uni zurückgekehrt ist, um sein Studium zu beenden, kann eine traurige Geschichte des Scheiterns erzählen – oder aber zeigen: Hier steht ein Typ, der etwas wagt und immer wieder aufsteht. Versager oder Kämpfernatur: Immer eine Frage der Perspektive und der Darstellung …

Positiver Wandel an den Unis

Auch an deutschsprachigen Hochschulen hat sich einiges getan. An der WHU gehören zum Beispiel „Weiche Werte“, so der Name der Lehrveranstaltungsreihe, zum Studienrepertoire. Professor Jochen Pläcking, jahrelang Leiter der Veranstaltungen, meint: „Die WHU hat seit ihrer Gründung ein hervorragendes Studium Generale, das Skills vermittelt, die im reinen harten BWL-Studium nicht gebraucht werden, aber wichtig für den späteren beruflichen und persönlichen Erfolg sind.” Ähnliche Veranstaltungen finden sich an weiteren ambitionierten Universitäten. An der Uni St. Gallen beispielsweise gehören Persönlichkeitsbildungsseminare fest zum Mentoring – und Coachingprogramm – die Teilnahme ist jedoch freiwillig und nicht obligatorisch.

Übrigens kann man gleich nach der Lektüre dieses Artikels mit dem Training seines Selbstwertgefühles und Selbstbewusstseins beginnen, indem man seine Sportsachen anzieht und eine Runde Laufen geht. Zumindest, wenn man Jürgen Hesse Glauben schenken möchte: „Es ist erwiesen, dass Menschen, die regelmäßig Sport treiben, weniger anfällig für Depressionen sind und zugleich ein stabileres Selbstbewusstsein haben als Anti-Sportler. Suchen Sie sich eine Sportart, bei der Sie entspannen können, die Ihnen Spaß macht. Sie fühlen sich wohler und gestärkt.“

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