Anästhesie in Afghanistan

Wer außergewöhnliche, medizinische Erfahrungen sammeln will und das Abenteuer sucht, ist bei der Bundeswehr richtig – wie Flottillenarzt Dr. Nicole Spanagel. Die Anästhesistin war bereits sechs Mal in Afghanistan im Einsatz. Für academicworld berichtet sie über ihre Erlebnisse und warum sie das Gefühl hat, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun.

„Für mich bedeutet Arzt bei der Bundeswehr zu sein, etwas Besonderes. Ich habe Erfahrungen gesammelt, die ich in einer zivilen Klinik nicht gemacht hätte.“ Flottillenarzt Dr. Nicole Spanagel ist Anästhesistin, 38 Jahre alt und Berufssoldat bei der Bundeswehr. Sie hat inzwischen acht Auslandseinsätze, davon sechs in Afghanistan, absolviert. Zurzeit leitet sie die Schmerztherapie im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koble

Anfangs hatte ich nur ein diffuses Bild

1993 ging sie direkt an Bord, sprich zur Marine. Kurz darauf begannen die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr im ehemaligen Jugoslawien. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein eher diffuses Bild von Auslandseinsätzen“, berichtet die Medizinerin. Ihre Beweggründe, zur Bundeswehr zu gehen, seien eher das Medizinstudium und ein Hauch von Abenteuer und Seefahrerromantik à la Gorch Fock gewesen.

Truppe hautnah

Spanagel studierte in Lübeck und kam danach als Leutnant AIP (Arzt im Praktikum) nach Koblenz in die Abteilung X-Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Dort entdeckte sie die Vielseitigkeit des Fachgebietes Anästhesie und ihre Passion dafür. Nach zwei Jahren kam sie als Truppen- und Taucherarzt für die Kampfschwimmer und Minentaucher des Kommandos Spezialisierte Einsatzkräfte der Marine (SEKM) nach Eckernförde. Dort erlebte sie die „Bundeswehrtruppe“ hautnah und weitab vom Krankenhausbetrieb. „Ich kümmerte mich als eine Art Hausarzt um die großen und kleinen Sorgen und Erkrankungen, mit denen auch Elitesoldaten kämpfen müssen“, so  Spanagel. Während der Truppenarztzeit in Eckernförde sammelte die Ärztin sehr viele interessante Erfahrungen wie Tandem-Fallschirmspringen, die Anwendung von Tauchgeräten der Kampfschwimmer und Minentaucher und sogar eine Skiausbildung während der Winterkampfausbildung in Mittenwald. Zurück in Koblenz führte sie ihre Facharztausbildung fort. Aufgrund des breiten Spektrums des Bundeswehrzentralkrankenhauses hatte Spanagel die Möglichkeit, die Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin, Spezielle Intensivmedizin, Palliativmedizin, Akupunktur und Spezielle Schmerztherapie zu erhalten und schließlich das europäische Examen für Anästhesie (DESA) abzulegen.

Dr. Nicole Spanagel

Dr. Nicole Spanagel, 38, absolvierte ihr Medizinstudium an der Universität zu Lübeck und kam dann als Leutnant AIP zur Bundeswehr nach Koblenz in die Abteilung X-Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Heute ist sie Fachärztin für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Palliativmedizin, Schmerztherapie Akupunktur und als Flottillenarzt regelmäßig auf Auslandseinsätzen. 

 

Ins widersprüchliche Afghanistan

„2003 wurde ich in den ersten Auslandseinsatz nach Kabul in Afghanistan kommandiert, es folgten weitere als Heli-Doc auf der CH-53 – dem Einsatz- und Transporthubschrauber der Bundeswehr – ein weiteres Mal Kabul, Kundus und zweimal Mazar-E-Sharif“, erzählt Spanagel. Dort hatte die Ärztin jeweils unterschiedliche Funktionen inne, mal als Assistenzärztin beziehungsweise Fachärztin Anästhesie, als Notärztin oder als Intensivmedizinerin. „Afghanistan ist ein sehr widersprüchliches Land. Auf der einen Seite gibt es unbeschreibliche Landschaften, Berge und lebhafte Dörfer mit fleißigen und aufgeschlossenen Menschen. Andererseits sieht man die Armut und die schlechten hygienischen Bedingungen, auch in den Krankenhäusern eines Landes, das die Spuren jahrzehntelanger Gewalt und Krieg kennt“, erklärt die Medizinerin. Es mangelt an notwendiger Infrastruktur, 61 Prozent der Menschen sind unterernährt, 76 Prozent Analphabeten und nur 13 Prozent haben einen gesicherten Zugang zum Trinkwasser. „In Teilen Afghanistans entsteht der Eindruck, das Land sei kulturell im Mittelalter verharrt, aber mit Waffen und Technologien wie Handys aus dem 21. Jahrhundert versehen“, beschreibt Spanagel die Zustände.

Das Land selbst erlebte die Anästhesistin in ihrer Zeit als Heli-Doc meist von oben, als die CH-53 über endlose Wüsten mit einer Tierherde irgendwo im „Nirgendwo“ und über wunderschöne blühende Oasen und zerklüftete Bergmassive hinwegflog. Der Auftrag war es, als Notärztin auf dem Rettungshubschrauber für alle ISAF-Kräfte vor Ort Verletzte zu versorgen, schnellstmöglich zu stabilisieren und in das große Feldlazarett der Bundeswehr in Mazar-E-Sharif zu transportieren.

Man sieht Dinge, die es in Deutschland kaum zu sehen gibt

Als besonderes Merkmal aller Auslandseinsätze gilt für Spanagel die gute Zusammenarbeit und Kameradschaft. In einem kleinen Team, das über mehrere Wochen eng zusammenarbeitet, kenne man sich viel besser und die Wege sind deutlich kürzer. „Wenn man zum Beispiel eine spezielle Untersuchung durchführen möchte oder eine Fachfrage hat, geht man direkt zu den Kollegen und spricht darüber“, erklärt die Medizinerin. Nebenbei bekomme man größere Einblicke in andere Fachgebiete: „Man sieht im Team Verletzungen und Erkrankungen in einer Ausprägung, die es in Deutschland in dieser Art und Weise einfach so nicht gibt, da viel früher eine Diagnose gestellt und die entsprechenden Therapien eingeleitet werden – sei es bei schlecht oder nicht verheilten Knochenbrüchen sowie Infektionen wie Tuberkulose, Leishmaniose und Erbkrankheiten.“ Tumore, die seit Jahren unbehandelt geblieben sind, würden sich in einer Form präsentieren, die vielleicht noch in alten Lehrbüchern abgebildet sei. Das Verletzungsspektrum bei Schuss- und Minenverletzungen sei mit Unfällen in Deutschland kaum vergleichbar.

Im Einsatz für die Bundeswehr erlebt man auch, dass ein gut eingespieltes internationales Team die Versorgung von mehreren Schwerstverletzten parallel bewältigen kann, obwohl nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen, und die CT-Diagnostik zum Nadelöhr für die Versorgung wird. Hierbei ergänzen sich die unterschiedlichen Nationen wie USA, Frankreich, Ungarn und andere mit verschiedenen medizinischen Ansätzen und Vorgehensweisen gegenseitig effektiv und bereichern so den Erfahrungsschatz der Einzelnen außerordentlich.

Die jungen Kameraden tot zu sehen ist schrecklich

Selbstverständlich erlebt man im Einsatz aber auch immer wieder sehr traurige Tage, wie im Jahr 2010, als ein Anschlag auf deutsche Soldaten im OP-North erfolgte. Die traurige Bilanz waren drei Tote, zwei Schwerst- und mehrere Leichtverletzte. Spanagel leitete zu diesem Zeitpunkt die Intensivstation in Mazar-E-Sharif. Die Gefallenen und Verletzten wurden ins Feldlazarett gebracht. Einer der Schwerverletzten starb auf der Intensivstation, nachdem die Chirurgen alles nur Erdenkliche getan hatten, um den 19-Jährigen zu retten. „Natürlich sterben auch in Deutschland junge Menschen in der Notfallaufnahme oder im Operationssaal. Es geht einem aber doch sehr nahe, junge Kameraden sterben oder tot zu sehen, insbesondere wenn sie die gleiche Uniform tragen wie man selbst“, berichtet Spanagel von den schrecklichen Ereignissen. „An diesen Tagen war die Stimmung sehr gedrückt und während der Ehrenparade, als die Särge durch das Lager zum Flughafen gefahren wurden, floss mehr als eine Träne, aber man half und unterstützte sich gegenseitig.“ Für Trauer blieb zu diesem Zeitpunkt wenig Zeit, denn als die Verletzten kamen, hatte das Team alle Hände voll zu tun. Die Patienten mussten operiert und für den Rücktransport nach Deutschland stabilisiert und vorbereitet werden. „Als später die Nachricht aus der Heimat kam, dass die Patienten durchkommen würden, hatte man das Gefühl, trotz allem Unglück etwas Gutes und Sinnvolles zu tun“, berichtet die Ärztin.

Der nächste Einsatz wartet schon

Zurück in Deutschland profitiert Spanagel  von diesen Erfahrungen: „Auch die Kommunikation mit den Kollegen aus anderen Fachgebieten wird einfacher, da man sich ja aus dem Einsatz kennt und  einiges miteinander erlebt hat.“ Diese Erfahrung nimmt die Medizinerin auch mit auf ihren nächsten Einsatz, der bereits geplant ist: Im Frühjahr 2013 geht es wieder zur Intensivstation in Mazar-E-Sharif.

Müsste sich die Ärztin heute noch einmal entscheiden, würde sie wieder zur Bundeswehr gehen. Wegen der vielen Möglichkeiten und Erfahrungen, die man als Anästhesistin in einem zivilen Krankenhaus nie gemacht hätte und auch ein wenig aufgrund des Abenteuers.
 

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