Alltagsgeschäft: Menschen ein Zuhause geben

Auch wer ehrenamtlich berät, trägt Verantwortung. Und wenn es dann noch um die schwächeren Mitglieder in unserer Gesellschaft geht, ist die Verantwortung gleich doppelt so groß – aber ebenso der Gewinn. Das erfuhren die studentischen Berater von SUN Non Profit Consulting e. V., die sich beim Bau einer Einrichtung für schwerbehinderte Menschen einsetzten.

Ehrenamtliches Engagement mit Fachwissen und vor allem viel Spaß: Die studentischen Berater von SUN Non Profit.

Um die Schwächsten unter uns zu schützen, müssen soziale Einrichtungen immer mehr Löcher im Budget mit unbezahlter Kreativität stopfen und sich zunehmend an private Geldgeber wenden. Finanzielle Engpässe bei öffentlichen Geldgebern und Krankenkassen zwingen auch kleine Vereine, tief in die betriebswirtschaftliche und steuerliche Theorie einzusteigen. Um finanzielle Mittel zweckgebunden einsetzen zu können, verlangen private Geldgeber nach Wirtschaftlichkeitskonzepten und Machbarkeitsanalysen. Kompetente Beratung ist aber teuer – deshalb liefern die ehrenamtlichen Berater der Nordakademie Elmshorn kompetente und vor allem unentgeltliche Hilfe.

Um Stiftungsgelder für den Bau zu akquirieren, mussten wir ein Finanz- und Wirtschaftlichkeits­­konzept erstellen.

In einem umfangreichen Beratungsprojekt haben wir von SUN Non Profit Consulting e. V. eine Einrichtung für schwerbehinderte Kinder und Jugendliche im Raum Hamburg gegründet. Der besondere Schwerpunkt dieser Einrichtung liegt auf der Förderung des Zusammenlebens von behinderten und nicht behinderten Menschen in einer generationenübergreifenden Kommune. Der Wunsch Kindern ein Zuhause zu geben entstand in einer Eltern­-initiative, die ihren behinderten Kindern die Möglichkeit geben möchte, ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu führen.

Um Stiftungsgelder für den Bau von drei Pflegeeinrichtungen zu akquirieren, in denen ein Pflegedienst für circa 40 Bewohner tätig ist, mussten wir  ein Finanz- und Wirtschaftlichkeitskonzept erstellen. Der Kunde forderte unter anderem einen dynamischen Personalentwicklungsplan mit markt-üblichen Gehaltsabstufungen sowie einen Personalbedarfsplan, welche die Nachhaltigkeit der Einrichtung belegen sollten. Um den Anforderungen der externen Geldgeber gerecht zu werden, erarbeiteten wir eine Aufstellung der  Bilanzen sowie eine Gewinn- und Verlustrechung über fünf Jahre. Zudem bat uns der Kunden um SWOT-Analysen sowie ein Konzept für das Personal Marketing.
Unter dem Schlagwort „Wirtschaftsplan“ wurde das Projekt unter den studentischen Beratern ausgeschrieben und ein dreiköpfiges Team zusammengestellt. Neben zwei erfahrenen Unternehmensberatern rundete ein Wirtschaftsprüfer mit dem beruflichen Schwerpunkt „Bilanzprüfung“ das Beraterteam ab.

Die jahrelange Ideenfindung des Kunden konnten wir besonders in der Analysephase deutlich spüren: Ungenügende und veraltete finanzielle Informationen mussten wir von umfangreichen Bebauungsplänen und kreativen Konzepten trennen. Im Dialog mit dem Kunden formulierten wir im Anschluss an die Analyse Ziele und bearbeiteten diese konzeptionell. Nach einer erneuten Abstimmung mit dem Kunden fassten wir die Ergebnisse zusammen und präsentierten sie vor den Gründern des Unternehmens.

Im weiteren Verlauf des Projektes wurden die Schwierigkeiten des Sozialstandortes Deutschland immer deutlicher: Wie ist der Spagat zwischen bestmöglicher Versorgung und kostengünstiger Personalstruktur zu schaffen? Welche gesetzlichen Regelungen müssen bei der Betreuung von behinderten Menschen beachtet werden? Wie viele Menschen sind notwendig, um einen Pflegedienst betreiben zu können? Diese Fragen, die dynamische Entwicklung des Pflegebedarfs des Kunden und eine zwischenzeitliche Abschaffung des Zivildienstes erschwerten besonders die Personalbedarfsplanung. Um den Bewohnern der Einrichtung ein sicheres Leben zu ermöglichen, müssen diese auch nachts in den verschiedenen Einrichtungen betreut werden. Allerdings ohne zusätzliches Personal.

Maximilian Lutz von SUN Non Profit Consulting

Maximilian Lutz, 22, Student des dualen Studiengangs Betriebswirtschaftslehre (für die Coloplast GmbH) ist seit März 2012 Vorstand von SUN Non Profit Consulting e. V., der studentischen Unternehmensberatung an der FH Nordakademie in Elmshorn. Der Verein berät ehren-amtlich Organisationen der sozialen Wirtschaft und gewann bereits zweimal den Preis „Projekt des Jahres“ des JCNetworks.

Es fiel uns nicht leicht, einem Menschen einen Wert zuzuweisen, der mit der Schwere seiner Behinderung steigt. Mit jedem höheren Wert, den wir ermittelten, rückte der Baubeginn der geplanten Einrichtungen immer näher. Mit jedem neuen Kostenpunkt allerdings immer weiter in die Ferne. Der Lebensbedarf eines behinderten Menschen setzt sich über ein komplexes System aus Pflegesätzen und Pflegepunkten zusammen. Mit sehr geringen finanziellen Zuwendungen müssen vielfältige Aufwendungen finanziert werden. Fehlendes Geld bedeutet Mehrarbeit und Überstunden.

Es war schwierig, die Aufwendungen für einen spezialisierten Pflegedienst zu ermitteln, da behinderte Menschen eine finanziell und technisch sehr intensive Pflegeleistung benötigen. Diese Überlegungen mussten wir außerdem mit Umsatzerwartungen und einer schwankenden Auslastung der Einrichtungen verbinden, ohne die Grenzen von gesetzlichen Pflegesätzen zu verletzen.

Um die komplexen Probleme des Kunden zu lösen, wurde ein separater Pflegedienst für alle drei Einrichtungen gegründet. Wir empfahlen, den Pflegebedarf durch dynamische Personalschlüssel zu decken, damit eine ausreichende Versorgung gewährleistet werden konnte. Das Gehaltssystem entwickelten wir so, dass es sich der Betriebszugehörigkeit anpasst, um der Fluktuation und damit einer mangelhaften Versorgung vorzubeugen. Parallel zu diesen Maßnahmen erhöht sich die Bewohnerzahl in steuerbaren Intervallen – so hat das Pflegepersonal die Zeit, sich an geänderte Arbeitsbedingungen anzupassen. Die Nachtbetreuung der Bewohner wird durch einen rollierenden Dienstplan gewährleistet, in dem jeder Mitarbeiter des Pflegedienstes gleichmäßigen Nachtdienst verrichtet.

Unsere Berater stellten einen Personalentwicklungsplan über fünf Jahre auf, in dem der dynamische Personalbedarf nach Lohnbestandteilen aufgeschlüsselt werden kann, inklusive Urlaub und Sonderzahlungen. Den finanziellen Rahmen bildeten eine Beispielbilanz, eine Gewinn- und Verlustrechnung sowie ein Cash Flow Statement. Aus diesen Projektionen konnte man langsam den genauen, zweckgebundenen Bedarf an Fremdkapital erkennen.

Für den Kunden war die Beratung die maßgeschneiderte Lösung für eine langgereifte Idee. Die zukünftige Pflegedienstleitung sowie die Geschäftsführung hoffen auf eine weitere Zusammenarbeit, um die Organisation auf finanziell sicheren Boden zu stellen. Durch die von unseren Beratern erstellten Kalkulationen konnte der Verein Stiftungsgelder in ausreichender Höhe akquirieren. Das Richtfest der ersten Einrichtung fand im Frühjahr 2012 statt, bis zum Ende des Jahres wird die zweite Einrichtung fertiggestellt.
Besonders der Kontakt mit den Eltern der behinderten Kinder wird uns immer in Erinnerung bleiben. Ihre sprudelnde Motivation, den Kindern ein selbstbestimmtes Leben mit einem geregelten Tagesablauf und einer gesunden Umwelt zu geben, steckt an und motiviert, innovative und kreative Lösungen zu finden. Besonders die sehr detaillierten und oftmals sehr frustrierenden Einschränkungen der Sozialgesetzbücher prägten die Projekte, da diese unsere Arbeit massiv erschwert haben. Lösungen mussten wir daher oft im Nachhinein wieder überdenken und verändern.

Das Wichtigste an dem Beratungsprojekt waren die erfahrbaren Ergebnisse. Die flatternden Bänder der Richtkrone singen ein Lied davon, dass unsere Arbeit erfolgreich war und wir das angestrebte Ziel erreicht haben. Die glücklichen Gesichter der künftigen Bewohner machen deutlich, dass besonders in finanziell schwierigen Zeiten unentgeltliche Beratung Probleme lösen kann.

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