„Wir sind Plätzchenbäcker!“

Mehr Frauen in Führungspositionen – so lautet derzeit das allgemeine Credo der deutschen Wirtschaft. Aber wo liegen eigentlich die Schwierigkeiten für Frauen, beruflich aufzusteigen? Christiane Funken, Professorin der TU Berlin, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und erläutert im Gespräch mit academicworld, was sich künftig ändern muss.

Mit mehr Selbstbewusstsein schaffen es Frauen bis nach oben.

­­­­Frau Prof. Dr. Funken, warum ist es wichtig, dass mehr Frauen in die Führungspositionen von Unternehmen gelangen?
Es gibt mittlerweile auf nationaler und internationaler Ebene sehr viele Untersuchungen, die belegen, dass sowohl mixed leadership, gemischte Teams als auch geschlechtsspezifisch gemischte Vorstandsebenen wirtschaftlicher sind und eine höhere Performanz erzielen als Arbeitsgruppen, die ausschließlich in einer Geschlechterhand liegen. Wenn wir die deutsche Wirtschaft auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig halten wollen, dann ist mixed leadership das, was Sinn macht. Hinzu kommt, dass das alte Urteil, Frauen  hätten nicht die nötigen Kompetenzen, nicht mehr gilt. Sie haben das Bildungsdefizit seit den 60er Jahren aufgeholt, sind hoch qualifiziert und motiviert.

Welche Vorteile hat ein ausgewogenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Führungskräften für die Unternehmen?
Dadurch, dass Frauen und Männer häufig in unterschiedlichen Lebenssituationen stecken, unterschiedlich sozialisiert sind, oft unterschiedliche Arbeitsformen und eine andere Identifikation, Perspektiven sowie Zielsetzung im Bezug auf ihre Arbeit haben, ist eine divers zusammengesetzte Arbeitsgruppe, ein Vorstand oder eine Geschäftsführung für das Unternehmen innovativer. Die Arbeitszusammenhänge und die Ergebnisse sind kreativer und produktiver. Das kann man in vielen internationalen Untersuchungen nachweisen.

Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die Frauen eher mitbringen als Männer?
Da bin ich sehr vorsichtig, denn das hat nichts mit biologischen Eigenschaften zu tun. Was wir sicherlich sagen können, ist, dass Frauen anders sozialisiert werden. Die Erziehung, die Einflüsse aus der sozialen Umwelt, den Bildungsinstitutionen und die Erwartungen, die man an Frauen stellt, sind andere. Das führt häufig dazu, dass sie die sogenannten Soft Skills, die heute in den neuen Arbeitszusammenhängen so wichtig sind, sehr gut beherrschen.

Welche Soft Skills sind das?
Frauen sind häufig kommunikationsstark, haben Empathie-Vermögen, können gut zuhören und sind teamorientiert. Das sind Eigenschaften, die Männer lernen können, denn sie sind nicht biologischer Art, sondern werden antrainiert. Hinzu kommt, dass wir heute in der sogenannten Wissensökonomie sehr viel Projektarbeit machen. Dabei spielt vor allem Koopera-tion eine große Rolle. Frauen sind sehr an Kooperation interessiert, weil sie aufgaben- und inhaltsorientiert arbeiten und dabei eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen und mit ihrem Team aufbringen.

Frauen beherrschen häufig Soft Skills wie Kommunikationsstärke und Empathievermögen.

 

 

Prof. Dr. Christiane Funken

Prof. Dr. Christiane Funken ist Leiterin des Fachgebiets Medien- und Geschlechter-soziologie an der Technischen Universität Berlin.?In ihren Forschungsarbeiten beschäftigt sie sich immer wieder mit dem Thema „Frauen und Karriere“.

(Bild: © Christiane Funken)

 

Und wie ist das bei den Männern?
Bei Männern stellt man oft fest, dass der Konkurrenzgedanke sehr wichtig ist, weil sie befürchten, sie könnten sonst keine Karriere machen. Auch das hat etwas mit Sozialisation und Leistungsorientierung zu tun. Männer in qualifizierteren Berufen, wie dem Management und in Führungspositionen, sind in ihren Motiven sehr auf Karriere getrimmt. In meinen Interviews höre ich oft von Managerinnen, dass Kollegen durchaus darüber hinweg schauen, wenn etwas falsch läuft, solange es nicht in ihrem Gebiet ist. Das können Frauen weniger gut.

Welche Hindernisse erschweren den Aufstieg für weibliche Mitarbeiterinnen?
Das sind einmal strukturelle Hindernisse, wie die Themen Arbeitszeiten, Weiterbildungen et cetera. Wenn zum Beispiel Sitzungen abends nach Feierabend stattfinden, sind solche Zeiten für Frauen, die Kinder zu Hause haben, pflegebedürftige Eltern oder die sich einfach um den Haushalt kümmern müssen, nicht drin. Aber es liegt auch an den sehr starken kulturellen Bedingungen. Es gibt sehr viele Männer in den Unternehmen, die immer noch keine weiblichen Konkurrentinnen akzeptieren. Sie wollen Frauen weiterhin als Partnerin im privaten Umfeld oder als Untergebene für sich. Das heißt die Stereotype, also was man von Frauen erwartet und  ihnen zutraut, wirken weiterhin sehr stark in den Unternehmen. Auch in den höheren Positionen. Es ist verdienstvoll für eine männliche Führungskraft eine junge Frau zu fördern, aber bitteschön bis zum mittleren Management und dann ist es gut.

Männer erfahren am eigenen Leib, was es heißt,
wenn ihre Töchter beruflich nicht aufsteigen.


Was können Firmen tun, um Frauen den Aufstieg zu erleichtern?

Ich bin durchaus optimistisch und hoffe, dass sich vieles allein aufgrund des demografischen- und des Wertewandels ändern wird. Mittlerweile wollen auch viele junge Männer andere Arbeitsformen haben. Sie möchten selbst aktive Väter sein und auch Freizeitgestaltung ist ein Thema. Hinzu kommt, dass wir einen Fachkräftemangel haben und auf die hochqualifizierten Frauen nicht mehr verzichten können. Und wir haben zunehmend männliche Führungskräfte, die junge Töchter in dem Alter haben, denen sie eine tolle Ausbildung ermöglicht haben und die jetzt plötzlich feststellen, dass diese ebenfalls nicht weiterkommen. Sie erfahren sozusagen am eigenen Leib, was es heißt, wenn man die Frauen nicht genauso anerkennt und ihnen eine gleiche Karriere ermöglicht. Insofern hoffe ich, dass der allgemeine gesellschaftspolitische Wandel und auch der Druck, der mittlerweile durch viele Aktivitäten und Programme auf die Unternehmen ausgeübt wird, irgendwann wirkt.

An welchen persönlichen Eigenschaften müssen Frauen arbeiten?
Am Selbstbewusstsein. Es ist häufig ein großes Problem bei Frauen, dass sie sich infrage stellen. Da kann man sich eine dicke Scheibe von den Männern abschneiden. Stellen Sie sich vor, Frauen und Männer backen Plätzchen. Die Frauen sagen, ‘wir haben Plätzchen gebacken’, Männer hingegen, ‘wir sind Plätzchenbäcker’. Männer verstehen es, ihre Leistungen gut zu verkaufen und an ihre eigene Person zu binden. Das ist wichtig. Man darf sich nicht hinter der Gruppe verstecken und nicht glauben, die Leistung wird automatisch erkannt. Wenn ich etwas erreicht habe, dann muss das an die entsprechenden Vorgesetzten herangetragen werden und auf eine gute dezente Art an die eigene Person gekoppelt werden. Man muss im Unternehmen auffallen – Frauen sind da oft noch zu bescheiden und zurückhaltend.

Was raten Sie jungen Absolventinnen, die weder auf Karriere noch auf die eigene Familie verzichten wollen?
Dass sie darauf achten, einen Mann für ihre Planungen zu gewinnen, der mit Ihnen an einem Strang zieht. Man braucht dem Vorgesetzten nicht sofort zu sagen, dass man Kinder will, stattdessen sollte man sich erst einmal als motivierte Berufsfrau zeigen. Wenn man schwanger ist, sollte man mit dem Vorgesetzten sprechen, wie Optionen offen gehalten werden können und man eventuell weiterarbeiten kann. Entscheidend ist es, gut zu kommunizieren, aber nicht zu früh.

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