Von bösen Onkeln und Eltern

Eine Bekannte von mir hat ihrer elf jährige Tochter ein Profishooting zum Geburtstag geschenkt. Das geschminkte und retuschierte Resultat stellte die stolze Mutter diese Woche auf Facebook.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Ein anderer Bekannter von mir hat neulich im Kindergarten durchgesetzt, dass seine Tochter dort nicht vom neuen Kindergärtner betreut wird. Der Kindergarten hat darauf hin in vorauseilendem Gehorsam verkündet, dass der neue Mittarbeiter – ein ausgezeichneter, gutausgebildeter Pädagoge – nie ohne weibliche Mitbetreuerin mit den Kindern alleine ist. Ergänzend muss erwähnt werden, dass der männliche Betreuer extra auf Wunsch der Elternschaft eingestellt wurde, damit die Kleinen auch eine männliche Orientierungsperson haben, also optimale Förderung erhalten.

Ein Elternpaar aus Österreich verklagte im Herbst zwei Lehrer, wegen angeblicher unfairer Bewertung ihres Sohnes. Dieser war im Sommer in der 7. Klasse durchgefallen und hatte auch nicht die Nachprüfung geschafft. Die Eltern sprachen von einer Verschwörung gegen ihr Kind. Die Klage wurde abgewiesen. Und im Gegenzug haben die Lehrer jetzt zum ersten Mal die Eltern verklagt: Wegen Rufschädigung. Sie haben gerade Recht bekommen. Die Eltern mussten sich bei den beiden Lehrern entschuldigen.

Was ist los mit unseren Eltern? Einerseits können sie ihre Kinder nicht genug schützen und fördern. Andererseits grenzt ihr Verhalten gegenüber ihren Kindern (oft aus denselben Gründen) an Missbrauch – und zwar: Geltungs- und Sinn-Missbrauch. Denn gerade gut ausgebildete, gutsituierte Eltern, die oft die eigene Lebensmitte überschritten haben, versuchen immer mehr die eigenen unerfüllten, übersteigerten Träume, über ihre Kinder doch noch zu erreichen. Denn trotz vieler eigener Statuserfolge, scheint das Leben nicht so zu sein, dass sich der ganze Leistungsaufwand gelohnt hätte. Da werden die Kinder zu verlängerten Tentakeln des eigenen Egos, zu  Zeitmaschinen, die das eigene Lebensfester der offenen Türen, um eine Generation erweitern.

Im Namen ihrer Kinder scheint es vielen Eltern offiziell erlaubt, endlich mal die eigene Sehnsucht nach einer Sonderstellung in der Gesellschaft einzufordern, dem eigenen Genie in den Abkömmlingen Geltung zu verschaffen. Der Traum vom besonderen Leben, nach den Maßstäben der aktuellen Werbeindustrie, soll durch die Kinder doch noch erfüllt werden: Hochbegabte, hochattraktive Überflieger, bei den der Anzug immer perfekt sitz, jenseits allen Enttäuschungen der banalen Alltagswelt. Oft hört man solche Sätze: „Wenn ich diese Möglichkeiten damals schon gehabt hätte, so eine Förderung bekommen hätte…“ – ja was dann? Hätte ich dann nicht so ein durchschnittliches Leben als leitender Angestellter, der im Firmen-BMW jeden Morgen im Stau ins Büro fährt und dort mit anderen um geringe Aufstiegschancen kämpft und dann auch nur den nächst größeren Firmenwagen erwarten kann? Hätte ich, wenn ich Model gewesen wäre, nicht aus Sicherheitsdenken diesen Spießer geheiratet, sondern das wirklich tolle Leben gehabt, auf Mittelmeerjachten mit exklusiven Partys, immer umschwärmt und bewundert? 

Es gibt einen neuen sehr interessanten Forschungsansatz in der evolutionären Anthropologie: Sie versucht heraus zu finden, was den Menschen zum Menschen gemacht hat – im Gegensatz zum Neandertaler (dessen Erbgut man gerade entschlüsselt hat). Es gibt 31 000 Möglichkeiten in der Gendifferenz. Auffällig ist: Kein Neandertaler wollte je wissen, was jenseits des Horizontes ist, hat je ein Meer überquert, einen neuen Kontinent bevölkert, sein Steinwerkzeug weiter entwickelt oder seine Höhlenwände bemalt. Er hat sich verbreitet wie andere (banale) Säugetiere auch. Nur der Mensch wollte immer mehr. So hat er in 65000 Jahren die ganze Erde besiedelt und dann die Oberhand gewonnen. Und zwar wohl genau mit dem Drang, der heute Eltern hoffen lässt – da sie selbst das gelobte Land des perfekten Lebens, dass sich Menschen von jeher vorstellen und erstreben, nicht erreicht haben -, dass die eigenen Kinder dieses Land finden werden und dann glücklich für immer im Paradies leben (womit auch erklärt wäre, wie Kirche und Medien zu ihrer Macht kamen). 

In der modernen globalen Gesellschaft wird an einigen Ecken dieses Streben nach dem besten aller Leben grotesk: So warnt das Bundeskriminalamt eindrücklich davor Bilder der eigenen Kinder, die sexuelle Anreize für Pädophile bieten könnten, ins Netzt zu stellen. Durch den Fall Edathy wird im Moment ständig von der Entwürdigung und Demütigung der abgebildeten Kinder gesprochen,  die mit ihren fotografierten Körpern die Lust erwachsener Menschen befriedigen. Doch wenn ich Mütter darauf hinweise, dass ihre 14 oder 15 jährigen Töchter halb nackt fotografiert werden, wenn sie Modell werden würden, dass dieser Job an Demütigung und Abwertung kaum zu überbieten ist (übrigens das einzige, was Heidi Klum authentische jede Woche rüber bringt in ihrer Show), dann sehe ich den emotionalen Wettstreit in den Gesichtern der Mütter und Väter toben: Mein Kind soll das hübscheste sein (wenn ich es schon nicht war), die meiste Anerkennung bekommen – gegen: ich muss mein Kind beschützen, vor allem Bösen dieser Welt.

Das Böse sind aber oft genug die überzogenen Träume von Eltern. 

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