Kindersehnsucht

Ich habe einen guten Freund, er hat zwei süße Kinder und eine tolle, sehr nette Frau. Er ist Rechtsanwalt und hat zusammen mit seinem Vater eine gutlaufende Steuerkanzlei. Er wohnt in einer sehr schönen Altbauwohnung in einem der besten Viertel von München. Die Kanzlei ist direkt gegenüber. Er fährt ein schönes Auto, ist attraktiv und gesund und einer der intelligentesten und interessiertesten Menschen, die ich kenne.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Doch er hat einen großen Fehler, der alles überschattet: Er ist nie zufrieden. Für ihn stellt sich seine Welt nur als mangelhaft dar. Andere Leute haben hübschere Frauen, sie sind reicher und wohnen schöner. Sogar seine eigene Tochter, die er über alles liebt und die eines der süßesten Kleinkinder ist, die ich kenne, findet er nicht hübsch. Es scheint wie eine Wunde, die nicht aufhören will zu bluten. Der Rasen ist irgendwo anders grüner und sein Leben ist nichts, im Gegensatz zu dem der anderen in seiner Umgebung.

Sein eineiiger Zwillingsbruder ist genau das Gegenteil: Er ist großkotzig, völlig von sich überzeugt und hält im Gegensatz zu sich selbst, alle anderen für minderwertig (Beide zusammen sprengen jede Zwillingsforschung). Ihre Mutter war lange Jahre Alkoholikerin, bevor sie sich, nach etlichen Eskapaden, selbst umbrachte. Auch für sie, die wohl trotz ihrer Schwäche sehr liebevoll gewesen sein muss, war die Welt völlig ungenügend. Und auch die Großmutter hatte sich schon erhängt.

Ich schätze diesen Freund sehr, aber sein Gejammer geht mir furchtbar auf die Nerven. Und ich sehe, wie er seiner Ehe und seinen Kinder damit schadet: Kein Kind hat verdient, vom eigenen Vater als „nicht hübsch“ angesehen zu werden – trotz allem übrigen liebevollen Umgang. Ich sehe wie er als Opfer langsam selbst zum Täter wird, weil das innere Kind in ihm, verletzt und zu kurz gekommen, keine Ruhe gibt, nicht ganz heranreifen möchte. 

Es passiert mir in meinem Beruf immer wieder, dass ich überdeutlich die seelischen Wunden der Menschen wahrnehme, mit denen ich zu tun habe. Ich habe an mich selbst den Anspruch mich – und sei es auch noch so schmerzhaft und das ist es immer – mit meinen Wunden auseinander zu setzen. Ich kann Menschen alles verzeihen, wenn ich sehe, dass sie an sich arbeiten und nicht einfach weiter in ihrem Opferstatus verharren und dadurch selbst zum Täter werden an ihrem Umfeld. Ich kann im privaten Bereich immer schlechter damit umgehen.

Dennoch: Die meisten Menschen haben eine solche infantile Erwartungshaltung, tragen ihre kindlichen Enttäuschungen und Widergutmachungsforderungen vor sich her und versuchen sie von anderen einzufordern. 

Daher meine böse Frage für diese Woche:

Welche infantile Forderung, welches unreife Verhalten, welche kindliche Kränkung leben Sie noch aus, jetzt als Erwachsener? An welcher Stelle müssten Sie nachreifen?

Meine eigene infantile Forderung und Sehnsucht ist es wohl die, dass die Erwachsenen wirklich reife Menschen sein sollten. 

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