Ichfindung mit Google

Wir sollen, wir wollen individuell sein, sind auf der Suche nach unserem Ich: In Modeshops und Autosalons, beim Kauf unseres Handys oder unserer Kosmetik oder unseres Sofas. Wir versuchen uns durch unsere Lieblingssorte Fruchtjogurt von anderen abzugrenzen und sind doch nur Teil einer Zielgruppe irgendeiner Marketingstudie.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin.

Durch unsere Spuren im Internet werden wir immer berechenbarer und genauer erfasst – in unserer Individualität. Google weiß wahrscheinlich mehr von unserem Ich, als wir selbst. Und sie haben die Daten längst verkauft – leider nicht an uns. So manch einer würde sich einen unsinnigen Selbstfindungskurs ersparen, wenn er wüsste, was das Internet über ihn weiß. Denn wir selbst und die Industrie definieren uns durch Dinge, die wir kaufen, besitzen oder als nächstes kaufen wollen – also vor allem durch konsumierbare Dinge.

Entweder ist uns das egal, weil wir nichts zu verbergen haben, uns selbst gut genug kennen und immun sind gegen Werbung und falsche Träume (von uns selbst). Oder wir nehmen nicht mehr daran teil. Doch selbst meine Tante mit ihren 87 Jahren, die noch nie einen Computer benutzt hat, hinterlässt in unseren Verwaltungssystemen so viele Spuren, dass sie täglich mit der Post Werbung erhält, die speziell auf die Abzocke alter Leute zugeschnitten ist, sie erhält Anrufe, die den einzigen Zweck haben ihr Alter und ihre kleine Rente auszubeuten.

Also bleibt uns nur die Immunität. Doch die Werbung mit ihren Bildern von der Möglichkeit eines erfüllteren Lebens durch den Kauf ihrer Produkte ist sehr geschickt und allgegenwärtig. Sie versucht uns mit ihrem Wissen über unsere Konsumpersönlichkeit immer vehementer Dinge anzudrehen, denen unsere Sehnsüchte nicht allzu oft widerstehen können. Selbst Nobelpreisträger haben ein Interessen-Profil. Und ob man nun Stöckelschuhe oder Petrischalen kauft: Einer verdient immer an uns.

Vielleicht sollten Sie morgen mal im Netzt nach Micky Mouse suchen, wenn sie das noch nie getan haben oder mitten im Winter drei Tage nach roten Gartenstühlen. Suchen sie nicht ihr Ich, denn nur Google weiß wirklich, wie das aussieht. Suchen sie nach etwas völlig anderem.

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

Share.