Hinter den Kulissen der Buchmesse

Diese Woche war ich auf der Buchmesse, da ja mein neues Buch über die Suche nach dem Glück in der Liebe der aktuellen Herbstsaison auf dem Büchermarkt zugeordnet wird. Wer glaubt, dass Bücher, Autoren und Schriftsteller noch nicht dem allgemeinen Wirtschaftswahn, Businessplänen, Sparzwang und Ertragssteigerung unterworfen wären, den muss ich leider enttäuschen. Bücher sind heute in erster Linie: Buch-Business.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Das ist besonders bitter, denn in dieser Branche sind vor allem Menschen unterwegs (Lektoren, Verleger, Schreiber), die ursprünglich zumeist als Idealisten mit großer Liebe für ihren Beruf begonnen haben, Geisteswissenschaftler, die nun zunehmend vom Schraubstock der Ertragszahlen verbogen werden.

Ich veröffentliche jetzt seit 2006 Bücher und in diesen acht Jahren hat sich diese Welt der Büchermenschen deutlich verändert. Die Verkaufszahlen sind zurückgegangen, die fetten Jahre nach der Jahrtausendwende sind vorbei: Und keiner weiß eigentlich so genau warum. Das war vielleicht das erstaunlichste, was mir auf der Messe dieses Jahr begegnet ist: Weder hochrangige Kritiker, noch (einstmals) erfolgreiche Verleger, noch Marketing- und Vertriebsspezialisten wissen letztlich, woran es liegt, dass Menschen weniger lesen, geschweige denn wohin sich der Buchmarkt entwickeln wird. Und somit ist der Buchmarkt, als ehemalige Idealisten-Nische, da angekommen, wo alle anderen Branchen unserer modernen globalen Shareholder-Turbo-Wirtschaft schon lange sind: Im Land der großen Unsicherheit und Angst, im Land des allgemeinen Unbehagens.

Es gibt das Schreckgespenst des E-Books, aber eigentlich ist man sich gleichzeitig sicher, dass es nicht über 25% hinaus wachsen wird. Im Moment werden in Deutschland im Durchschnitt nur 5-7% der Bücher als E-Book gelesen, in Amerika sind es schon 20%. Doch die Menschen werden wohl auch immer weiter Bücher in ihre Regale stellen, sie heraus nehmen und wieder lesen wollen – sofern diese Texte ihre Leben bereichern, vielleicht sogar verändert haben. ¾ der Bücher werden also herkömmlich gedruckte Bücher bleiben, die man anfassen, verschenken und in denen man wichtige Stellen unterstreichen und beim späteren Durchblättern wiederfinden kann, (interessiert oder schmunzelnd – wer je seine alten Hesse Bände beim Umzug wieder in Händen hielt, weiß wovon ich spreche): Das sind psychologische Tatsachen, Lebens- und Lustgewinn. Was soll also dieses laute Geschrei um den „Tod der gedruckten Bücher“?! Warum muss immer gleich das ganz große Monster des „Totalen-Vernichtungs-Auslösch-Schreckgespensts“ beschworen werden?! Geht es nicht auch mal eine vernünftige, realistische Nummer kleiner?!

Und damit wären wir, meiner Meinung nach, beim eigentlichen Problem. Heute werden immer mehr immer schlechtere Bücher produziert, im Glauben und Willen, damit vor allem Geld zu verdienen. Schauspieler schreiben ihre zweifelhaften Welterklärungen nieder, Sportler waschen ihre schmutzige Wäsche zwischen zwei Buchdeckeln, Politiker behaupten, Deutschland schaffe sich ab oder gehe anschaffen oder beides zusammen. Der Promifaktor ist zusammen mit der Talkshow als letztes halbwegs berechenbares Vermarktungsmittel der Büchermanager, der Krug mit Sprung, der aber immer noch eifrig zum Brunnen getragen wird, weil keiner weiß, wie man sonst Gewinne schöpfen soll, die Bertelsmann und Co. (als große Konzerne hinter den Verlagen) erwarten. Doch was machen Leser, die ein- bis zweimal solche schlechten, nichtssagenden, selbstgefälligen Bücher gekauft haben, die ihnen mit Superlativen marktschreierisch angepriesen wurden, während man gute Inhalte mühsam suchen muss? Sie sind enttäuscht und kaufen gar kein Buch mehr: Alles der gleiche (Buchmesse-Zitate) „Dünnbrettbohrer-Schrott“, „Wischiwaschi-Mist“, der den Leser mit einem leeren Gefühl der Zeitverschwendung zurück lässt.

Nichtprominente Autoren verdienen kaum Geld mit ihren Büchern. Man bekommt gerade mal zwischen 8% und 10% vom Verkaufspreis, beim E-Book sind es noch weniger. Das sind ca. 1,70 Euro pro Buch als normales Autorengehalt (wenn man nicht Boris Becker oder Dieter Bohlen ist und nicht mit schmutzigen Sex-Enthüllungen aufwarten kann, und selbst wenn man das könnte, sollte man es wohl lieber für sich behalten und nicht das Vertrauen all seiner Ex-Partner mit Füßen treten, die man ja immerhin mal so toll fand, dass man mit ihnen Sex haben wollte…) Der Rest der Einnahmen geht an die Verlage für Lektorat, Gestaltung, Vermarktung und ein bisschen auch für die Druckkosten. (Harry Potter und Shades of Gray  sind bei 400 000 Neuerscheinungen im Jahr alleine auf dem deutschen Buchmarkt, noch seltener als ein 6er im Lotto oder die Wahrscheinlichkeit, von einem Hai angefallen zu werden. Doch es sind natürlich die Über-Nacht-Wunder, die alle Schreiber,  Leser und Träumer immer vor Augen haben, die aber mit der Realität so wenig zu tun haben, wie Nimm-Zwei Bonbons mit Vitaminen.) Von diesen großen, wiederum von den Medien angeheizten Träumen lebt die neue vieldiskutierte Branche des „Self-Publishing“. Dazu ist zu sagen: Sicher entgeht den etablierten Verlagen das ein oder andere brauchbare Werk aufgrund von Lektoren-abbau, Mainstream-Verkaufsstrategien und sonstigem Sparzwang. Doch 99% der abgelehnten Bücher sind einfach schlecht (man kann das mittlerweile selbst überprüfen, indem man in die bei Amazon offerierten Self-Publishing Machwerke einfach mal reinliest).

Warum schreiben Menschen also Bücher? Aus Eitelkeit, Rachsucht (was auch nur gekränkte Eitelkeit ist) oder aus Idealismus. Mit der Eitelkeit von Prominenten lassen sich noch ein paar Euro aus dem Markt quetschen. Für Bücher mit Inhalt, die den Menschen fundiert-analysierte und klare Antworten geben oder wenigstens neue Denkanstöße, bekommt der Autor höchstens eine kleine Aufwandsentschädigung (selbst der schöne, schlaue Herr Richard David Precht kämpft – wie man auf der Messe hören konnte –  mit stark sinkenden Verkaufszahlen und Käufern, die seine Bücher im Zug nur anlesen, nachdem sie sie in der Bahnhofsbuchhandlung meist aus Langeweile erworben haben…). Bei den Romanen sieht es nicht anders aus, aber die sind das wenigstens gewöhnt. Es gibt eben auch immer weniger Leser, die sich die Mühe machen und/oder die Zeit haben, wirklich etwas wissen, erfahren zu wollen. Und einige hoffen ja auch immer noch, aus Skandalgeschichten von Prominenten einen Inhalt für ihr Leben zu gewinnen – oder immerhin die Befriedigung, dass es denen „da oben“ auch nicht besser geht in ihrer vielbeachteten Sinnlosigkeit, dass die eigene Leere somit geadelt wird und eine Veränderung der Mühe nicht wert ist (wohin auch?!).  

So kann ich bei der allgemeinen Klage über den „Niedergang“ des Buchmarkts, bei der Verzweiflung der vom Geld getriebenen Büchermenschen, nicht meine leise Hoffnung verbergen, dass die Bücher auf Dauer uninteressant werden für Ökonomen. Man darf nicht vergessen: Ökonomen sprechen vom Niedergang, obwohl immer noch gutes Geld verdient wird. Vielleicht lässt man sie irgendwann  wieder so weit in Ruhe, die Bücherbranche, so dass einige Menschen in dieser Nische weiterhin das Geld verdienen (zumindest als Verlagsmitarbeiter), das ihnen reicht, um ein von Inhalten erfülltes Leben zu führen, mit Themen und Wissen und Ideen, aus denen sich nun mal kein schnelles großes Geld pressen lässt, weil das schnelle, große Geld als Sehnsuchtstraum und infantile Scheinwelt und psychisches Wundpflaster immer der Wahrheit widersprechen muss. 

Und man kann sogar hoffen, dass es irgendwann allen anderen geknechteten kreativen Branchen auch so gehen wird. Die Musikindustrie geht da schon voran: Sie hält sich über Wasser mit Konzerten, echten Erlebnissen mit echten Menschen auf echten Bühnen und mit echtem Publikum. Und die einzigen, die darunter leiden, sind die großen Stars und großen Konzerne, die ihre überdimensionierte Gewinnsucht nicht mehr befriedigen können. Sie schreien danach, dass nun die Welt untergeht, sie beschwören Ängste und Todesszenarien. Doch was stirbt wirklich? Der Luxus von Zweit- und Drittwohnsitzen und 100 Millionen Dollar Jachten oder (ne Nummer kleiner) die Sehnsucht nach dem nächsten größeren Firmenwagen (siehe Blog-Beitrag von letzter Woche), abgepresst von Autorengehältern, ausgeschüttet als Belohnung an Verlagsleiter? Kann man noch mehr Jobs kürzen, wenn die Angestellten nun schon alle kurz vorm Burnout stehen, man sie mit weiteren Drohungen gezielt in den Krankenstand treibt? Die menschliche Natur ist nun mal die Grenze der Gewinnmaximierung, genauso wie unsere Erde die einzige Welt ist, die wir haben. Es braucht nun mal für eine bestimmte Anzahl Bücher eine bestimmte Anzahl an Leuten, die sie herstellen; es braucht nun mal für Musik Menschen, die sie hörbar machen. Menschen, die Bücher lesen und Musik hören wird es immer geben, genauso wie Menschen, die sie gerne machen und darin ihren Lebenssinn sehen, jenseits vom Geld. Es sieht nur wirklich schlecht aus für alle Menschen, die daraus Reichtum generieren wollen, zweistellige Wachstumsraten, im Rausch des eigenen Selbst-wert-Größenwahns. 

Man kann sich einrichten in einer Nische eines sinnvollen Daseins mit Buchschreiben (solange so viel Menschen die eigenen Bücher kaufen, dass der Verlag auch noch das nächste drucken wird). Der Lohn ist nicht der große Scheck über Nacht, mit einem über den Marktplatz der Medien getriebenen Bestseller. Es ist der beständige Aufbau einer Leserschaft, die sich über Inhalt und Denkanstöße freut, sich auseinandersetzt, dem Schreiber auf die Finger schaut, sich beschäftigt mit Sinn und Antworten und Dingen, die die geistige Leere vertreiben. Und die interessante Frage dabei ist: Wer ist wirklich bedroht vom Untergang (seines bisherigen Lebens), wenn das immer mehr Menschen so machen wie der ein oder andere Autor oder Musiker?!

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