Herumgestupse

Ständig wir darüber berichtet, dass unsere Daten, ohne unser Wissen, verwertet werden. Doch selten wird auf diese Verwertung genau eingegangen. Pauschal versuchen die Industrien wohl ein Profil von uns zu erstellen, um gezielt Werbung zu platzieren für Dinge, die zu uns passen bzw. für die wir anfällig sind. Die Bundesregierung hat jetzt aber eine neue Art der Verwertung gefunden, die natürlich auch nur zu unserem Besten sein soll.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Unsere Daten werden nämlich, im Zusammenhang mit der sogenannten Verhaltensforschung, wertvolle Manipulationsmittel, um uns zu einem besseren Verhalten zu „stupsen“. Anstupsen (eng. to nudge) zum Guten ist auch das große Feigenblatt in Silicon Valley, wo die großen Internet-Giganten ja auch eigentlich alle technischen Neuigkeiten nur entwickeln, um der Menschheit einen Dienst zu erweisen, um für alle Probleme endlich die passende App-Lösung zu kreieren.

Die Nudge-Unit der Bundesregierung (bisher ziemlich geheim operierend) möchte also, dass wir uns planmäßig impfen lassen, mehr Organe spenden (nach unserem Tod), nicht mehr so  viel rauchen, etc.. Dafür spioniert sie in unserer Verhaltensbiologie herum. Männer pinkeln zum Beispiel lieber auf eine aufgemalte Fliege im Pissoir (und damit 80%! weniger daneben), was die Reinigungskosten senkt und die Hygiene steigert – beides durchaus erstrebenswerte Ziele. Und wenn man Menschen darauf hinweist, dass schon alle ihre Nachbarn Steuern bezahlt haben, sie selbst also (mal wieder) der oder das Letzte sind, bewirkt der daraus entstehende Gruppendruck, dass die Zahlungsmoral um 15% ansteigt. Während das mit der Fliege noch eine ziemliche lustige, spielerische Sache ist, zeigt das Beispiel mit den Steuern das Problem, das ich mit dem Herumgestupse habe und für das es keine App je geben wird.

Sanfter Paternalismus heißt das Prinzip, das Menschen zu besseren Menschen machen will, ohne dass es ihnen weh tut. Schon Freud behauptete, unser Über-Ich entstünde aus unserem Vater, der uns die Triebbefriedigung durch unsere Mutter streitig macht und den wir, um ihn nicht umzubringen, als Moral-Instanz in unsere Psyche aufnehmen.  Das ist dann die Auflösung des Ödipuskomplex´ – wenn alles gut läuft. Und wenn es nicht so gut läuft, müssen wir eben ein Leben lang angestupst werden, weil die eigene Moralinstanz in uns nicht richtig installiert wurde. 

Aber wer bestimmt dann, was für uns moralisch und auch sonst so das Beste ist? Und vor allem: Wer profitiert davon, wenn wir alle bessere Menschen werden? Bei der Geschichte mit der Fliege profitieren sicher alle: Spiel und Spaß und weniger Ekel – es gibt nur Gewinner. Bei der Steuermoral über Gruppenzwang wird allerdings absichtlich das Selbstwertgefühl des einzelnen herab gestuft, damit das als Motivation missbraucht werden kann (beim Stromverbrauch klappt das mit dem Verweis auf den Nachbarn übrigens auch: Smily-Briefe vom Amt kann man sich gut an den Kühlschrank pinnen, um zu beweisen, was für ein guter Stromsparer man ist). 

Ist es also wirklich zum allgemein Besten, dass Obst und Gemüse in Kantinen so platziert werden, damit gesünder gegessen wird? Ist es richtig, wenn (wie in den USA schon praktiziert) Gehälter in drei Etappen im Monat ausgezahlt werden, damit die Menschen so mehr für ihre Altersvorsorge tun?  Was macht die Regierung aber, wenn dann alle gesund ernährt mit viel Sport 100 Jahre alt werden? Gibt es dann einen Brief: „Sie haben sich als letzter in der Nachbarschaft noch nicht von der Brücke gestürzt und belasten das Rentensystem über ihre Rücklagen hinaus…“

Andererseits tritt der Mensch erwiesener Maßen immer wieder auf Kosten anderer über die Strenge. Die meisten Menschen sind nicht fähig, moralische Regeln selbstgewählt einzuhalten – auch wenn keiner hinschaut (die meisten Menschen hatten ja auch keine Väter, die das konnten, weswegen ihre Über-Ich Instanz eben auch nicht richtig funktionieren kann). 

Sogar in der aktuellen Hirnforschung geht man mittlerweile von einer „Selbst-Reife“ aus: Je objektiver das Bewusstsein gegenüber dem eigenen Selbstwert und den eigenen Handlungsprinzipien ist, umso reifer die Psyche (so ungefähr). Und eine hohe Selbst-Reife haben eben viele Menschen nicht (weshalb sie auch so einfach zum Mitläufer werden können). Bringt man diese Menschen dazu, eher moralischer als unmoralischer zu handeln (was beide Male allerdings einer Art Fremdsteuerung gleichkommt), ist das sicher besser für uns alle. Viele versuchen sich ja selbst schon zu paternalisieren, indem sie mit Apps auf ihren Smartphones ihre Schritte zählen, ihren Kalorienverbrauch und ihren Puls oder ihre fälligen Pflichten kontrollieren lassen, etc. Irgendwann brauch halt jeder Erziehung – und wenn schon nicht zur Selbst-Reife, dann zur vorgegebenen Selbst-Optimierung.

Vielleicht sollte man es in unserer Zeit von Merkel-Regierung, Silicon Valley und Apps so sehen: Selbstbestimmung ist etwas, dass man sich durch die gesunde Selbstgestaltung seines Über-Ichs leisten kann, wenn man sich mit viel Mühe um die Bewusstwerdung seine Prägungen und Verhaltensmuster gekümmert hat. Will sagen: Ich würde freiwillig auf die Fliege pinkeln (wenn ich könnte – manche Dinge sind selbst dem freisten Willen nicht zugänglich). Aber meine Steuererklärung mach ich sicher niemals von meinen spießigen Nachbarn abhängig! Und mein nächster Kantinenbesuch wird eine Orgie des Bewusstseins!

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