Globale Franzocken

In meiner Jugend (und ich werde gleich noch ausführen, was ich damit meine) fuhr man im sommerlichen Ferienlager nach Frankreich (denn aus unseren benachbarten Erzfeinden sollten Freunde werden) und mühte sich mit seinen drei mühsam in der Schule erlernten Französischbrocken beim Tischtennisspiel um Völkerverständigung. Die Franzosen sprachen – und das war die Regel – keinerlei andere Sprache, als die, ihrer `Grande Nation´.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Tischtennis kann man immer noch in französischen Herbergen spielen, nur sprechen alle jungen Franzosen jetzt Englisch. Das ist sehr unpraktisch, wenn man zum Französischlernen extra an die Cote d ´Azur gefahren ist. Deshalb hab ich jeden Morgen nach vielen vielen Jahren (23!) wieder mal die Schulbank gedrückt. 

Es ist ein sehr seltsames Gefühl wieder Tests schreiben zu müssen („Stifte raus, hier sind Ihre Aufgaben zum Subjonctif, Sie haben zehn Minuten!“). Horror. Ich habe die ersten Nächte davon geträumt, mein Abi nochmal machen zu müssen und nicht mehr schreiben zu können oder (als Variante) meine Uniexamina noch mal machen zu müssen, ohne irgendwas verstanden zu haben. 

In meiner Klasse gab es viele 20- bis 25-Jährige: Leute, die meine Kinder hätten sein können: Frisch aus der Schule oder der Uni, Italiener(-innen), Norweger(-innen), Brasilianer(-innen). Und es gab Rentner (innen), deren Tochter wiederum ich hätte sein können. Der Abstand nach oben und nach unten war fast gleich. Nur seltsamer Weise fühlte ich mich eher in der Gruppe der „Jungen“ zu Hause, als in der der „Rentner“. Das lag nicht daran, dass ich mich „wie 20 fühle“ (tu ich nicht). Ich war genauso wie die Rentner „just for fun“ (bzw. „Pour le plaisir“) an der Schule: Ich musste mich nicht, wie all die 20-Jährigen für meine Zukunft qualifizieren, mich der globalen Finanzkrise entgegenstemmen, der Perspektivlosigkeit (besonders bei den jungen Italienern deutlich zu spüren) oder übermäßigen Erwartungen zukünftiger Arbeitgeber oder ehrgeiziger Eltern gerecht werden.

Ich weiß nicht, wie diese Generation diesen Druck überhaupt aushält. Ich habe, genau wie die Rentner in der Klasse, bei den allmorgendlichen Politikdiskussionen innerlich und äußerlich nur den Kopf schütteln können, über mein Glück, nicht in dieser herrschenden totalen Negativstimmung einen Weg ins Berufsleben finden zu müssen.

Trotzdem: Ich trage dieselben Klamotten, wie die 20-Jährigen, höre dieselbe Musik, benutze dieselben Medien. Ich bin schon mit Fernsehen groß geworden – auch wenn meine Geschichte vom ersten Handy, dass die ungefähren Ausmaß eines Baguettes besaß, zur Erheiterung beigetragen haben und ich noch genau weiß, wie die House-Music in den ersten Clubs gespielt wurde (sie wird dort aber immer noch gespielt).

Meine Eltern sind geschieden, es war für mich als Mädchen klar, dass ich studieren werde und unklar, ob ich Kinder will („später vielleicht….“). Ich habe nie Filterkaffee und immer schon Latte Macchiato getrunken und Praktika in den Semesterferien gemacht (wenn auch nicht in jeden) und bin ins Fitnessstudio gegangen. Das scheint mehr zu meiner Identität beigetragen zu haben, als das „hach ja, ich weiß noch nicht was ich mal später mache, schaun ma mal, ich probiere mal so ein paar Sachen aus…“

Ich bin neugierig: Ich sollte in zwanzig Jahren wieder so einen Sprachkurs machen (die sterben sicher nie aus, jedenfalls nicht, solange ich lebe, das hängt damit zusammen, dass man das Leben in Südfrankreich einfach durch nichts ersetzen kann). Wie werde ich dann die „Jungen“ sehe, die dann meine Enkel sein könnten und wie werden die sein, die dann 40+ sind?

Früher war nicht alles besser. Ich bin froh, dass ich nach diesem „Früher“ geboren wurde, mit all der Freiheit, der Möglichkeit lange „jung“ zu bleiben – auch wenn das teilweise mehr Unsicherheit bedeutet: Denn auch meine Rente ist nicht mehr sicher.

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

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