Ego-Anstich

Vorsicht: Schweres Thema diese Woche!

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Waren Sie schon mal beim Bockbieranstich der CSU? Nein? Ich auch nicht. Obwohl ich seit vierzehn Jahren in Bayern lebe. Ich muss da auch nicht hin. Nicht nur weil ich die CSU nicht mag („ach was“ wird sich der ein oder andere treue Leser dieses Blogs jetzt in Loriot-Manier denken), sondern weil ich genau weiß, was mich da erwartet. VORURTEIL! Werden Sie mir jetzt vielleicht vorwerfen. Doch ich schwöre Ihnen, ich kann sehr genau beschreiben, wie es da aussieht, auf so einem Bockbieranstich im Rahmen einer Wahlveranstaltung der CSU  im Wahljahr 2013. Irgendein Herr Dr. Gruber (dessen Qualität des Titels ich unbedingt in Frage stelle – ob die Doktorarbeit nun selbst geschrieben ist oder nicht – aber kein wirklich intelligenter Mensch hält Wahlkampfreden, schon gar nicht für die CSU, Wahlkampfreden sind immer dumm, besonders bei der CSU) hält eine Ansprache im Stile von: „mir san mir“ und vor allem in Sinne von: „die andern san die andern und taugen niags“.

Und unten vorm halbmeterhohen Podium im Saal (einer alteingesessenen Bierschänke oder eines blauweißgerauteten Bierzeltes) sitzen ein paar feiste Männer mit Bierhumpen und Weißwurscht (es gibt ja immer was umsonst, in der Amigovereinigung der CSU) und lassen sich ihr Selbstwertgefühl aufpuschen von „mir san die Besten und wollen, dass des auch so bleibt und uns kainä wos wegnimmt, vor allem nicht das faule Ausländergesocks und Ostpreissenpack…“. Daneben befinden sich ein paar wenige Damen im Dirndl – mehr oder weniger feist (ein Dirndl verzeiht viel, aber nicht alles) und lächeln zustimmend und taxieren die Dirndl der anderen Damen. Und ein paar Kinder und Halbstarke in Lederhosen werden noch am Rande herumspringen, längst vor der Reife zur Willensfreiheit an die blau-weiße Prägung verloren, so wie damals auch alle Einwohner von Dachau noch, nachdem sie von den Amerikanern zwangsweise das Konzentrationslager mit seinen Leichenbergen besuchen mussten, das jahrelang in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Menschen durch die Hölle in den Tod schickte, wieder rechts wählten, sobald sie es wieder durften….

Womit ich beim Fußballspiel und dem Sieg der Bayern vom Samstag bin – und ich schreibe hier extra Bayern und nicht „Sieg der Fußballmannschaft des FC Bayern München“. Denn am Samstag haben Menschen ihr Selbstwertgefühl auch mit diesem „Mir san mir und mir san die Besten“ gepuscht, das mir für alle Zeit unheimlich bleiben wird (und nein es ist nie nur ein harmloses Spiel, wenn solche Massen danach Bierflaschen werfend die Leopoldstrasse bevölkern und die Emotionen durch hohes Polizeiaufgebot und Absperrgitter kontrolliert werden müssen). Denn gerade hier im Freistaat Bayern ist besonders gut zu beobachten, wie man sich mit Leistungen, für die man persönlich gar nichts getan hat, das eigene Selbstwertgefühl schöndopt. Das hat mit einem archaischen Mechanismus unserer Psyche zu tun, der mal unser Überleben sicherte, aber ab den Zeiten der Staatenbildung mehr Unheil über die Menschheit gebracht hat, als der Egoismus jedes Einzelnen.

Wir haben nämlich die Veranlagung, uns mit den Leistungen von anderen, den Helden unserer Gruppe, zu der wir uns zugehörig fühlen, zu identifizieren: Ihre Leistungen (sogar wenn sie erlogen sind) werden zu unseren, ihre Siege sind dann unsere – obwohl wir nur Bier trinken oder vorm Fernseher sitzen. Der Gruppenzusammenhalt wird dadurch gestärkt. Bei Fußballspielen sprechen Fans so gerne davon, dass sie der 12. Mann auf dem Platz sind – auch wenn sie fernab davon nur saufen und jubeln: Der Rausch der Masse, die dem einzelnen das Gefühl der Kraft aller gibt. Sehr wirksam, wenn man als Horde durch die Steppe zieht und auf andere trifft, die einem das eigene Gebiet streitig machen. Sehr gefährlich, wenn man ein Fußballfan ist, der die Fans der gegnerischen Mannschaft erniedrigt und demütigt. Sehr gefährlich in Dörfern, wo Menschen leben, die nicht dazu gehören oder anders denken oder Dönerbuden betreiben. Dann kann sich diese Gruppendynamik, die das Selbstwertgefühl der einzelnen über die Gruppenzugehörigkeit absichert (und bei manchen Menschen ist die Gruppe alles, also auch das ganze eigene Selbstwertgefühl), in Ideologien und Gewalttaten zeigen, die leider nicht mehr viel vom Ballspiel oder Bieranstich übrig lässt. 

Natürlich gehöre auch ich zu einer Gruppe. Wir Menschen sind Gruppenwesen und wollen (außer bei schweren psychischen Störungen) immer zu bestimmten Gruppen gehören. Ich gehöre zu der Gruppe der Gegner von Gruppen, die emotional bei den Erfolgen von anderen schmarotzen. Deshalb besuche ich auch keine CSU Wahlveranstaltungen (Amigokorruption fällt für mich nicht unter persönliche Leistung). Fußballspiele und Wahlveranstaltungen anderer Parteien besuche ich übrigens auch nicht.

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