Drei Generationen

Frank Schirrmacher, der Herausgeber der FAZ, „Debattenbefeuerer“ und „Grund für die Liberalisierung der CSU“ ist mit 54 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Sein Kollege Jan Fleischhauer vom Spiegel (selbst 52 Jahre alt) sagte dazu in der Sendung Kulturzeit: „54 ist ein Alter, wo man als Mann mitunter seine nächste Familie gründet, kein Alter zum Sterben.“

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

 

Frank Schirrmacher war nur zehn Jahre älter als ich, Herr Fleischhauer sogar nur acht Jahre. Eigentlich gehören beide in meine Generation. Dabei erschreckt mich weniger, dass man da schon einfach so am Herzinfarkt sterben kann (Schirrmacher hatte das typische Stresspotential und Äußere eines Herzinfarkt-Kandidaten). Nein, erschreckend ist diese selbstverständlich-machohafte Art der intellektuellen Führer unserer deutschen Kultur, meiner Generation. Oft kann man sie eben nur in den nicht-redigierten, emotionalen Spontanäußerungen nachweisen. 

Eine alte Freundin und Lehrerin von mir (76) erzählte mir neulich, sie habe ja die Männer noch erlebt vor der 68er Revolution. Sie waren Machos, aber wenigstens verbargen sie das hinter Höflichkeiten und Galanterien. Ab 68 waren sie nur noch Machos, die selbstgefällig und dreist, ohne weitere Kunst der Verstellung, ihre Vor-Rechte lebten. Frauen waren nur fürs männliche Amüsement da: man speiste sie mit ein paar Kindern ab und ließ sie dann geduldig daheim warten, bis der große Meister von seinen sonstigen Amüsements die Güte hatte nach Hause zu kehren, um sich die Wäsche waschen zu lassen usw. Wer sich als Frau bei diesem Spiel der Männer verweigerte, obwohl der großzügige Blick dieser „Macher“ sie auserwählt hatte, galt als frigide.

Der Sohn eines Freundes (21) sagte mir neulich aus tiefstem Herzen: „Ach, die Mädchen waren doch eh schon immer besser.“ Als ich ihn fragte, was er damit meine, erklärte er mir, dass die Mädchen schon in der Grundschule immer so viel gelobt wurden, weil sie viel ordentlicher geschrieben haben. Und sie haben auch nie Einträge bekommen, weil sie nicht störten und die Klassenbesten waren die ganze Zeit fast nur Mädchen. Es hätte ihn immer gewundert, wie ordentlich die „ihr Zeug“ dabei hatten. Und die würden jetzt auch alle die NCs (Numerus Clausus) haben für das, was sie studieren wollten. Außerdem wären sie immer „voll aufgepimt“ und würden sich nur für erfolgreiche Typen interessieren. Loser kämen nicht in Frage. Er könne das aber auch irgendwie verstehen. Er wolle ja selbst auch nicht so einen „Bordstein-Panzer“ zur Freundin ….

Diese drei Generationen müssen also heute in unserer Zeit (zum Teil unter einem Dach) zusammen leben. Das besondere bei dieser Konstellation ist wohl die gerade stattfindende und nie vorher dagewesene Befreiung der Frau aus der männerdominierten Kultur: Innerhalb von 40 Jahren wurden sie von kessen Bienchen und Beiwerk erfolgreicher Männerleben zu beängstigenden Fleiß-Bienen. Das Einzige, was sie überhaupt noch hindert, die Regie völlig zu übernehmen, ist die dämliche Ungleichheit beim Kinderkriegen. Auch da wollen die Frauen perfekt sein – was sie dann aber leider daran hindert, perfekte Karrieren zu machen. Deshalb leben viele Frauen dann auch zu Hause ihre verhinderten Führungsqualitäten dermaßen aus, dass Kinder und Mann nur noch zu Leistungs-Statisten im Erfolgsplan der „perfekten Familie“ werden. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, weshalb viele Männer meiner Generation dann eben mit Anfang fünfzig ihre „nächste Familie“ gründen. Diesmal sind sie den Frauen alters und karrieremäßig dermaßen überlegen, dass sie nicht mehr zu Statisten gemacht werden können. Sie sind jetzt die bewunderten Macher, wie ihre Väter, die sie schon in ihrer ersten Ehe sein wollten.

Meine Generation war die erste Generation, in der es selbstverständlich war, als Frau zu studieren, eine gute Ausbildung zu haben, alles zu wollen. Doch leider blieben unsere Männer noch in den neurotischen Machtansprüchen der 68er-Väter hängen. Zuerst waren die Jungs meiner Generation (Jahrgänge ca. 1960-1979) noch eingeschüchtert, auch wenn sie sich ganz cool gaben. Denn sie hatten ja keinen Umgang mit selbstständigen, willensstarken Frauen gelernt, von ihren 68-Vätern und traditionell erzogenen Müttern (die dann doch meist einen dieser sexuell befreiten 68er Machos geheiratet hatten und dafür ihren Töchtern in meiner Generation den Befreiungsauftrag weiter gaben). Jetzt sind die Männer meiner Generation an der Macht: Sie sind die Leader in Wirtschaft und Kultur. Und viele Frauen in meinem Bekanntenkreis sehen mit bangen Gedanken das Ende der Schulzeit ihrer Kinder kommen – und es gibt keinen Plan für danach. Man hat von ihnen die Befreiung erwartet und dann sind sie doch daheim geblieben, wegen der Kinder oder haben (trotz Studium) maximal Teilzeit gearbeitet (teilweise auch wegen der schlechten Kinderbetreuung). Und die Männer, in Erinnerung an die Machoallüren ihrer Väter, gründen, jetzt wo sie so stark sind, „die nächste Familie“. 

Zurück bleiben frustrierte Frauen (so um die 50), mit Kindern, die langsam ihrer Wege gehen. Zurück bleiben deren Töchter, die junge Frauen der nächsten Generation, die wohl mit lauter Fleiß versuchen, es jetzt wirklich endlich besser zu machen, die wohl an Burn-Out erkranken werden, um Job und Kinder gleichermaßen perfekt hin zu bekommen. Zurück bleiben verschüchterte Jungs, die ihren Vätern bei der Gründung der „nächsten Familie“ zuschauen, verunsichert von den abgehängten Müttern, die doch vorher immer die Macht in der Familie hatten, verunsichert von gleichaltrigen Mädchen, die im Moment noch wie die Models von Heidi Klum durch ihre Leben stolzieren, in denen sie „doch immer schon besser waren“. 

So sucht sich jede Generation ihre eigene Hölle aus unverarbeiteten Ängsten und narzisstischen Pseudolösungen. Und vielleicht wird in dreißig Jahren ja mal die Chefin der FAZ mit Herzinfarkt tot hinter ihrem Schreibtisch zusammen brechen. Und ihre Kollegin vom Spiegel wird sagen: „Mit 54 legen sich Frauen eigentlich einen jungen Liebhaber zu, das ist kein Alter zum Sterben.“ Wäre das die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ oder eine echte, fast unvorstellbare Revolution?

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