Bei jedem sportlichen Großevent purzeln die Weltrekorde – wann ist die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit denn mal erreicht?

Helmut Wegmann / pixelio.de

Frage: Bei jedem sportlichen Großevent purzeln die Weltrekorde – wann ist die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit denn mal erreicht?

Antwort:
Die schnelle und einfache Antwort lautet: Vermutlich nie. Nichts spricht dafür, eine prinzipielle Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit zu unterstellen. Das ist durchaus vergleichbar mit alten erkenntnistheoretischen Debatten: Nichts spricht dafür, eine prinzipielle Grenze menschlicher Erkenntnisfähigkeit zu unterstellen.

Die umwegige und begründete Antwort könnte skizzenhaft wie folgt lauten: Sport zu treiben, ist kein bloß automatisiertes, im Prinzip kalkulierbares und insofern auch von Maschinen vollziehbares Verhalten, sondern eine kulturelle Tätigkeit. Das hat Konsequenzen in zwei Richtungen: Zum einen ist eine sportliche Leistung, insbe-sondere ein Weltrekord, keineswegs bloß durch die im engeren Sinne körperliche Beschaffenheit des Sporttreibenden bedingt, sondern ebensosehr durch neue Sportgeräte, neue Bewegungstechniken, neue Trainingsmethoden, neue Dopingpräparate etc.pp. Manchmal purzeln Weltrekorde durch neue Schwimmanzüge, und nichts spricht dafür, eine prinzipielle Grenze des menschlichen Einfallsreichtums zu unterstellen.

Zum anderen leben wir offenbar in Gesellschaften, in denen das Purzeln von Weltrekorden hochgradig funktional und insofern erwünscht ist. Das ist keineswegs selbstverständlich. Es gibt Zeiten und Kulturen, in denen ein auf Dauer gestelltes „höher, schneller, stärker“ gar nicht denkbar ist. Um ein einziges Beispiel zu nennen: Im frühneuzeitlichen, adelig geprägten englischen Sport war es verpönt, sich auf einen Wettkampf vorzubereiten.

Wer für einen Wettkampf „trainierte“, der dokumentierte damit, dass es ihm nicht um das Vergnügen des Spielens ging, sondern um den Sieg. Adelige aber hatten es nicht nötig, hier zu siegen. Wenn es ernst wurde, wählten sie das Duell; beim Sport ging es um vergnügliche Spannung im Augenblick des Wettkämpfens. Unsere Gesellschaften müssten gleichsam umschalten und den Vollzug des sportlichen Wettkampfs höher schätzen und belohnen als das schnöde Er-gebnis, und sei dies auch ein Weltrekord. Es spricht aber wenig dafür, dass wir das tun. Wir alle hätten den BvB trotz seines attraktiven Fußballs milde belächelt, wären sie nicht Meister geworden.

Prof.Dr. Volker Schürmann
Professur für Philosophie, insbesondere Sportphilosophie Institut für Pädagogik und Philosophie der DSHS Köln

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